DEZEMBER 2020 – FIPS-NEWS NR. 25: VORTRÄGE ZUR GESCHICHTE GRIECHENLANDS – TEIL I: 1821 – 1940

EDITORIAL

Die hier veröffentlichten Vorträge dienen der Vorbereitung der „vier digitalen Konferenzen im deutsch-griechischen Fachkräfteaustausch“ zum Thema „Die griechische Junta und ihre Gegner – Erinnerungskultur in Griechenland und Deutschland“, die im Dezember 2020 von der „Wilden Rose e.V. – Interkulturelles Jugendnetzwerk“ in Kooperation mit Agrio Rodo Youth Association“ veranstaltet werden. (Die Einladung hierzu wird im Anhang abgedruckt). Diese Vorträge wurden bereits auf dem Deutsch-Griechischen Fachkräfteaustausch vom 5. – 13. Oktober 2019 in Dassia-Kerkyra auf Korfu/Griechenland unter dem Thema „Die griechische Junta von 1967 – 1974 und ihre Gegner“ gehalten.

Bei der inhaltlichen Vorbereitung des Themas wurde damals deutlich, dass die Widersprüche zwischen Republikanismus und Monarchismus, zwischen Demokratie und Militarismus in der griechischen Gesellschaft nach 1949 nicht nur wichtige Gründe für den Militärputsch der Junta 1967 darstellten, sondern dass diese auch die Geschichte Griechenlands seit seiner Neugründung 1821 geprägt haben. Die innere bürgerlich-republikanische Entwicklung Griechenlands vollzog sich im Spannungsfeld der Auflösung der feudalen ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse einerseits und der Einflussnahme imperialistischer Großmächte bis hin zur Besetzung Griechenlands durch NS-Deutschland. Selbst nach der Befreiung Griechenlands 1944/45 wirkten diese Widersprüche in neuer Form fort: Neubeginn mit einer demokratischen Republik versus Rückkehr zu einer von Militärs und Antirepublikanern geprägten Monarchie.

Die Vorträge 1 – 6 behandeln daher die innere Entwicklung der Gesellschaft Griechenlands seit 1821 bis zu den durch vielfältige Krisen und Kämpfe geprägten Zeit während und nach der Besetzung durch NS-Deutschland. Es soll dargestellt werden: Welche historischen Ursprünge, welche sozialen und ökonomischen Wurzeln hatten die sozialen Probleme der armen arbeitenden Bevölkerung und die politische Entwicklung Griechenlands? Welche unterschiedlichen Interessen der Klassen, Eliten und Parteien bestimmten die ökonomischen, sozialen und politischen Geschicke Griechenlands bis hin zum Putsch der Militärjunta 1967? In den Vorträgen 7 – 9 werden dann die Konflikte behandelt, die zum Putsch der Junta führten sowie Einblick in den Widerstand und die Solidaritätsbewegung gegeben.

Die Vorträge werden in drei Teilen veröffentlicht:

Teil 1: 1821 – 1940

  • Vortrag 1 : Zum Aufstand von 1821 gegen das Osmanische Reich und zur Auflösung des Feudalismus in Griechenland
  • Vortrag 2: Zum spezifischen Übergang Griechenlands zum Kapitalismus
  • Vortrag 3: Zum griechischen Faschismus unter der Diktatur Metaxas

Teil 2: 1941 – 1949

  • Vortrag 4 : Zum nationalen Befreiungskampf gegen die NS-Besatzung
  • Vortrag 5: Zum Bürgerkrieg in Griechenland 1943 – 1945
  • Vortrag 6: Zum Bürgerkrieg in Griechenland 1945 – 1949

Teil 3: 1950 – 1974

  • Vortrag 7: Krisen und Konflikte in der griechischen Gesellschaft vor dem Putsch (1950 – 1967)
  • Vortrag 8: Die faschistische Diktatur der Junta (1967-1974)
  • Vortrag 9: Zum Widerstand gegen die Junta und zur Solidaritätsbewegung

Teil 2 und Teil 3 der Vorträge werden in FIPS-NEWS Nr. 26 und Nr. 27 veröffentlicht.

5. Dezember 2020 Dr. Peter Milde

Vorträge zur Geschichte Griechenlands – Teil I: 1821 – 1940

1. Vortrag: Zum Aufstand von 1821 gegen das Osmanische Reich und zur Auflösung des Feudalismus in Griechenland

1.1 Zur Lostrennung Griechenlands vom Osmanischen Reich

Unter dem Osmanischen Reich war Griechenland quasi kolonialisiert. Die Verhältnisse ähnelten denen der Feudalzeit in West- und Mitteleuropa. Das Agrarland war Eigentum von Großgrundbesitzern, des Staates (bzw. des Sultans), der Klöster und der Kirchen.

Der Warenaustausch war wenig entwickelt und vollzog sich in lokalen Basaren und bei religiösen Festlichkeiten. Griechenland war ökonomisch weitgehend ein Agrarland, dessen große Masse der Bevölkerung eine Naturalwirtschaft betrieb und vom kapitalistischen Markt und von Geldeinkünften weitgehend abgeschnitten war. Dies hatte eine große Armut und Rückständigkeit der Bevölkerung zur Folge.

In den Städten waren die Handwerker in Zünften organisiert. Großhandel beschränkte sich auf die großen Hafenstädte, dort entwickelte sich auch eine Schiffbauindustrie. Die griechische Industrie bestand vorwiegend aus Heimbetrieben mit handwerklicher Produktion (Spinnerei, Färberei, Gerberei, Metall- und Teppichhandwerk und die Pulverproduktion).

Theodoros Kolokotronis, © gemeinfrei

Der Unmut großer Teile der Bevölkerung mit ihrer sozialen und ökonomischen Lage verband sich mit dem Erwachen eines nationalen Bewusstseins, dass anti-osmanischen und anti-türkischen Charakter annahm und auch von der orthodox-christlichen Religion und Kirche geprägt war.

Der Aufstand der griechischen Bevölkerung, den bürgerliche Nationalisten anführten, begann am 25.3.1821 (der noch heute Nationalfeiertag in Griechenland ist) gegen die vierhundertjährige Herrschaft des Osmanischen Reiches. Im Peleponnes wurden die osmanischen Truppen von Partisanen der Landarbeiter unter der Leitung des Rebellen Theodoros Kolokotronis besiegt. Die auf dem Peleponnes lebenden Türken wurden vertrieben. Im Dezember trat im Peleponnes die erste griechische Nationalversammlung zusammen und eine provisorische nationale Regierung gründete sich.

Siegel der provisorischen Regierung
während des Unabhängigkeitskriegs 1822 -1828,
© gemeinfrei

Im April 1827 wurde Ioannis Kapodistrias von der Nationalversammlung zum ersten griechischen Präsidenten gewählt. Innerhalb der Aufständischen kam es zum Konflikt zwischen den von Kolokotronis und Kapodistrias angeführten bäuerlichen Rebellen einerseits und konservativen Kräften aus dem griechischen Großbürgertum (Großgrundbesitzern, Kaufleuten und Bankiers) andererseits, in dessen Verlauf am 27.9.1831 Kapodistrias ermordet wurde.

1827 griffen die europäischen Großmächte England, Russland und Frankreich in den griechischen Unabhängigkeitskrieg ein, da sie ihre Interessen gefährdet sahen und ein Aufflammen des Republikanismus in Europa im Keim ersticken wollten. Als die ägyptische und osmanische Flotte von ihnen besiegt wurden, zwangen sie dem unabhängigen Griechenland 1832 die Monarchie auf, dessen erster Monarch der bayrische Prinz Otto, Sohn des König Ludwigs I. von Bayern, wurde.

1.2 Zur Veränderung der ökonomischen Basis im neuen griechischen Staat

Mit der Gründung des Hellenischen Königreiches 1832 wurde der griechische Staat Eigentümer des vorher den griechischen Türken, bzw. dem Osmanischen Reich gehörenden Landes. Die „nationalen Ländereien“ umfassten ca. 1,3 Millionen ha, was etwa 50% der Anbaufläche ausmachte.1 Von der anderen Hälfte gehörte ein großer Anteil den Kirchen und Klöstern. Die Bauern waren frei und arbeiteten auf den großen Landgütern als Landarbeiter. Einige Landarbeiter hatten oft selbst ein kleines Haus und ein Stück Land (sog. Häusler). Ein anderer Teil der Landarbeiter arbeitete und lebte auf den Landgütern ohne eigenen Besitz (sog. Einlieger). Daneben verpachteten die Großgrundbesitzer auch Land an Besitzlose oder an kleinbäuerliche Betriebe. Die staatlichen und die Ländereien der Kirchen und Klöster wurden an Besitzlose oder Kleinbauern verpachtet. Im Bergland gab es häufig kleinbäuerliche Betriebe.

1864 schlossen sich die Ionischen Inseln an Griechenland an. Hier existierten feudale Abhängigkeitsverhältnisse mit Großgrundbesitz neben bäuerlichen Kleinbetrieben. 1881 wurden ein Teil des Epirus und Thessalien (mit Saloniki) von Griechenland annektiert. In Thessalien war das Land der Großgrundbesitzer an Landlose verpachtet, die ein Drittel bis zur Hälfte des Ertrages an die Landeigentümer abzugeben hatten (sog. Teilbau). Die Pächter in Thessalien lebten in bitterer Armut, obgleich sie sehr fruchtbaren Boden bewirtschafteten.

Unter diesen Besitzverhältnissen konnte sich die Landwirtschaft kaum entwickeln. 1907 machte der Anteil der Landbevölkerung ca. 75% von der Gesamtbevölkerung aus. Die große Masse der Landbevölkerung (die Landarbeiter, Pächter und Kleinbauern) lebte in großer Armut. Immer größere Teile der verarmten Landbevölkerung zogen in die Städte, vor allem nach Athen und Piräus oder emigrierten. 1861 lag der Anteil der städtischen Bevölkerung noch bei ca. 16% und 1907 bereits bei ca. 25% von der Gesamtbevölkerung (nach der Volkszählung von 1907).

1.3 Zur Rebellion des griechischen Bürgertums und der griechische Nationalismus

Eine hohe Verschuldung des griechischen Staates an das Ausland führte 1893 zum Bankrott des Staates. Eine Internationale Kontrollkommission aus Vertretern Deutschlands, Englands, Frankreichs, Österreichs, Russlands und Italiens kontrollierte daraufhin die Finanzen und die Verwaltung des griechischen Staates, um die Rückzahlung der griechischen Schulden an die ausländischen Gläubiger sicher zu stellen. Gleichzeitig wurde Griechenland für ausländische Kapitalinvestitionen interessant. So wurde durch ausländisches Kapital bis 1909 ein Eisenbahnnetz von fünf Strecken mit ca. 1.600 km aufgebaut.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Industrie und Bergbau und damit wuchs einerseits das Bürgertum in Anzahl und wirtschaftlicher Bedeutung und andererseits wuchs auch die soziale Klasse der Arbeiter*innen in den kapitalistischen Industriebetrieben.

Der griechische, anti-türkische Nationalismus überbrückte die Klassendifferenzen zwischen dem aufstrebenden griechischen Bürgertum und den alten im Feudalismus wurzelnden Klassen, den kirchlichen und militärischen Eliten und der Monarchie.

1911 rebellierte das griechische republikanische Bürgertum gegen die politische Vorherrschaft der feudalen Großgrundbesitzer und gegen die Monarchie und angesichts der elenden sozialen und ökonomischen Lage der Masse der Bevölkerung erhielt das republikanische und liberale Bürgertum breite Unterstützung von der armen Bevölkerung. Die Liberale Partei unter der Leitung von Eleftherios Venizelos stellte nun die Regierung und forderte die Enteignung und Umverteilung des Großgrundbesitzes und die Abdankung des Königs. Doch von einer bürgerlich-demokratischen Revolution in Griechenland, angeführt von dem griechischen Bürgertum, konnte keine Rede sein.

Nach dem Balkankrieg 1912/13 vergrößerte sich Griechenland um die Provinzen Mazedonien, einen Teil von Thrazien, weitere Teile des Epirus, Kreta und den ägäischen Inseln, die bis dahin unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches standen. Die Fläche Griechenlands verdoppelte sich und die Bevölkerung stieg von 2,8 auf 5 Millionen Einwohner.

In den folgenden Jahren wechselten die Regierungen zwar mehrmals zwischen der Liberalen Partei, die das aufstrebende republikanische Bürgertum vertrat, und der Volkspartei, die die feudalen Großgrundbesitzer, die Aristokratie, das Königtum und die Interessen der griechisch-orthodoxen Kirche vertrat. An den ökonomischen und sozialen Verhältnissen der Masse der Bevölkerung änderte sich durch die Regierungswechsel jedoch erst einmal wenig.

Vortrag 2: Zum spezifischen Übergang Griechenlands zum Kapitalismus

2.1 Zur Gründung der Republik und zur bürgerlichen Reform der Agrarverhältnisse

Im I. Weltkrieg kämpfte die griechische Regierung an der Seite der Entente und nutzte den Sieg der Entente zu einem Eroberungskrieg gegen die neue türkische Republik. Allen griechischen Parteien – so auch der Liberalen Partei unter ihrem damaligen Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos – schwebte die Errichtungen eines Hellenistischen Großgriechenlands unter Einschluss der Gebiete am Schwarzen Meer und der östlichen Küstengebiete Kleinasiens um die Stadt Smyrna in der Tradition des Byzantinischen Reiches mit Konstantinopel als Mittelpunkt vor. 1919 und 1920 wurden diese Gebiete von der Entente Griechenland zugesprochen. 1922 verlor die nunmehr von der konservativen Partei gebildete griechische Regierung den Krieg gegen die von den Kemalisten mobilisierten Massen der neuen türkischen Republik. In Folge dieser Niederlage musste Griechenland die eroberten Gebiete an die Türkei zurückgeben (was seitdem in Griechenland als „kleinasiatische Katastrophe“ bezeichnet wird). Zudem wurde 1923 im Vertrag von Lausanne ein gegenseitiger Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei vereinbart. 1 1/2 Millionen türkische Griechen wurden nach Griechenland und ½ Millionen griechische Türken nach der Türkei umgesiedelt. Dadurch vermehrte sich die Bevölkerung Griechenlands um nochmals ca. 20%.

Eleftherios Venizelos 1020 in Berlin, Bundesarchiv, Bild 102-08469 / CC-BY-SA 3.0, © gemeinfrei

In Folge des verlorenen Griechisch-Türkischen-Krieges bildete das republikanische Bürgertum mit der Liberalen Partei wieder eine republikanische Regierung, schaffte 1924 durch eine Volksabstimmung die Monarchie ab und gründete eine griechische Republik. Sie führte eine „bürgerliche Reform von oben“ durch. Die Regierung der Liberalen Partei enteignete 1924 die Großgrundbesitzer, die Kirchen, Klöster und die Güter im Besitz des Staates und der Gemeinden und verteilte das Land unter 600.000 Umsiedlern und 600.000 ehemaligen Pächtern. Die ehemaligen Großgrundbesitzer und die Kirchen und Klöster wurden jedoch großzügig entschädigt. Ein Drittel des Werts des Landes bezahlte ihnen der Staat, die anderen zwei Drittel mussten auf 30 Jahre verteilt die neuen Landeigentümer an die ehemaligen Landbesitzer abzahlen. Die ehemals feudalen Großgrundbesitzer wurden auf diese Weise ein Teil des kapitalistischen Bürgertums.

Auch nach der Landreform war die Agrarfrage ein zentrales Problem in der griechischen Gesellschaft. Noch 1928 betrug der Anteil der rein bäuerlichen (ruralen) Bevölkerung 3,37 Millionen, das entsprach 54,5 % der griechischen Bevölkerung. Rechnet man die Gebiete mit halbbäuerlicher Bevölkerung (semi-urban) hinzu, so kommt man auf 4,27 Millionen (= 69%). Die rein städtische (urbane) Bevölkerung betrug 1.9 Millionen, das waren 31% der Bevölkerung (Statistical Yearbook 1968).

Der bäuerlichen Bevölkerung Griechenlands stand nach der Landreform nur wenig Land zur Verfügung, da das kultivierbare Land nur ca. 30% der Fläche Griechenlands ausmachte und zudem extrem in kleinbäuerliche Wirtschaften zersplittert war. Ca. 50% der bäuerlichen Höfe bewirtschafteten 2 oder weniger Hektar Land. Die bürgerliche Agrarverfassung von 1923 zwang von vorneherein die Bauern zur Lohnarbeit und zur Proletarisierung.

Da ein großer Teil der freigesetzten Halbpächter und Kleinbauern in Industrie, Handwerk und Handel keine Arbeit finden konnten, wanderten in den Jahren 1900 – 1920 jährlich ca. 20.000 Griech*innen aus.

2.2 Zur Entwicklung der Industrie und der Entstehung eines Industrieproletariats

Mit der Ausbreitung des Kapitalismus in der Agrarwirtschaft konnte trotz der Armut der Masse der Landbevölkerung von den Grundbesitzern, den Banken, Großhändlern und des Staates eine große Masse von Kapital akkumuliert werden, das für eine Industrialisierung zur Verfügung stand. Allerdings behinderte die Abhängigkeit Griechenlands von ausländischen Investitionen und Außenhandelsverträgen eine vom griechischen Bürgertum ausgehende und getragene industrielle Entwicklung des Landes.

Aufgrund der Abhängigkeit von den europäischen Großmächten wurde die industrielle Entwicklung Griechenlands ganz erheblich durch ausländische Investitionen vorangetrieben. Von 1898 – 1922 flossen ca. 1,5 und von 1923 – 1930 ca. 1,2 Milliarden franz. Francs in Form von Staatsanleihen oder Privatinvestitionen nach Griechenland. Mit diesem Kapital wurden die Infrastruktur, vor allem die Verkehrswege und die Elektrifizierung ausgebaut, aber auch Investitionen in den Bergbau, den Handel, die Banken und Versicherungen getätigt. Die hauptsächlichen Kapitalgeber kamen aus England und Frankreich. In den Handelsbeziehungen dominierten zu dieser Zeit England und die USA.

Von besonderer Bedeutung für die Ökonomie Griechenlands war die Handelsschifffahrt. 1911 war die Gesamttonnage auf ca. 388.000 Tonnen bei 343 Dampfern gestiegen. Die griechische Handelsschifffahrt arbeitete zu 90% für den internationalen Frachtverkehr, was den griechischen Eignern große Gewinne brachte.

Nach Schätzungen betrug der Anteil der reinen Industriearbeiter*innen im Jahre 1882 lediglich 40.000. Hinzu kam noch die industrielle Kinderarbeit, die 1912 ca. 12.000 Kinder zählte. 1925 lag die Zahl der Arbeiter*innen bei knapp 300.000 und war bis 1938 bereits auf ca. 400.000 angestiegen (einschließlich der Beschäftigten in Kleinbetrieben). Hiervon waren reine Industriearbeiter*innen ca. 260.000.2

Die republikanische Regierung führte erste soziale Reformen durch, so die Sonntagsruhe, die Begrenzung der Arbeitszeit für Frauen und Kinder, Entschädigung bei Arbeitsunfällen. Auch die Gründung von Gewerkschaften und Genossenschaften wurde gesetzlich erlaubt. Allerdings betrug der gewöhnliche Arbeitslohn in den industriellen Betrieben oft nicht einmal das Existenzminimum.

Trotz der Entwicklung des Kapitalismus und der Industrie blieb Griechenland weiterhin ein Agrarland, dessen Hauptausfuhrgüter damals landwirtschaftliche Erzeugnisse, wie Korinthen, Tabak, Wein, Südfrüchte, Wolle und Schafe waren.

Die Rückständigkeit in der bürgerlichen Entwicklung Griechenlands zeigte sich auch darin, dass trotz der Verwaltungs- und Bildungsreformen 1928 noch immer 40% der Bevölkerung Analphabeten waren.

2.3 Zum Beginn der Arbeiterbewegung und der Gründung der KP Griechenlands

Bereits in den 1880er Jahren kam es zu ersten Streiks in den Betrieben. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gründeten sich die ersten Arbeitervereine. 1914 wurde die Gründung von Gewerkschaften gesetzlich legalisiert. In der Folge gründeten sich bis 1918 insgesamt 366 Gewerkschaften mit ca. 80.000 Mitgliedern. 1928 betrug die Zahl der Gewerkschaften bereits 560 und die ihrer Mitglieder ca. 170.000.

Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts verschärfte sich die Krise in der Landwirtschaft, die Industrialisierung war ins Stocken geraten, die Zahl der Arbeitslosen stieg beträchtlich und die Auslandsschulden des Staates beanspruchten ein Drittel des Staatshaushalts. Die Weltwirtschaftskrise führte dann 1932 zum weitgehenden Zusammenbruch der Wirtschaft und zum Bankrott des griechischen Staates.

Gleichzeitig entwickelten sich unabhängige Organisationen der Arbeiter und der Kleinbauern.

1918 wurde in Griechenland die erste unabhängige gewerkschaftliche Dachorganisation, der „Allgemeine Gewerkschaftsbund“ der Arbeiter*innen gegründet, dem sich 214 Verbände anschlossen. 1923 gründete sich die Bauernpartei als Vertreterin der Pächter und Kleinbauern.

1918 gründete sich die Kommunistische Partei Griechenlands (KPG) als Sektion der Kommunistischen Internationale. 1924 war die Mehrheit ihrer Mitglieder aus der Türkei umgesiedelte Griechen. Als Ziel formulierte die KPG:

„Unser Kampf ist gegen die bürgerlich-faschistische Republik gerichtet mit dem Ziel, durch Waffengewalt eine Arbeiter- Bauern- und Flüchtlingsregierung einzusetzen.“3

Ab 1926 war die KPG im Parlament vertreten. Abspaltungen von der Liberalen Partei und von der Bauernpartei schlossen sich der KPG an.

Unter dem Einfluss der KPG kam es im ersten Halbjahr 1936 zu 350 Streiks. Der Streik in Saloniki im Mai 1936, an dem sich auch die Bauern der Umgebung und ein Teil der städtischen Angestellten beteiligten, kam einem lokalen Aufstand nahe. Erst nachdem die Regierung das Militär einsetzte, wurden die Aufständischen in Saloniki niedergeschlagen. Dem Generalstreik, zu dem die KPG aufgerufen hatte, kam der royalistische General Metaxa durch einen Militärputsch zuvor.

Vortrag 3: Zum griechischen Faschismus unter der Diktatur Metaxas

3.1 Zum Weg hin zum griechischen Faschismus

Da sich die Umwandlung Griechenlands in eine kapitalistische Ökonomie ohne eine bürgerliche Revolution gegen das alte feudale, aristokratische Regime und die sie stützenden sozialen Klassen, Eliten, die griechisch-orthodoxe Kirche und die Monarchie vollzog, bekämpften sich im politischen und gesellschaftlichen Raum Jahrzehnte lang zwei politische Strömungen um Macht und Einfluss.

Die erste Strömung bestand aus dem liberal und republikanisch eingestellten Bürgertum mit der Liberalen Partei. Die zweite Strömung bildete das anti-liberale und royalistische Bürgertum mit der royalistischen Volkspartei. Beide Parteien hatten ihre soziale Basis im Groß- und Kleinbürgertum, in den Mittelschichten und dem wohlhabenden Teil der Bauern. Der Unterschied zwischen beiden Parteien bestand vornehmlich darin, dass die Liberale Partei anti-monarchistisch eingestellt war und soziale Reformen in ihrem Programm hatte.

Beide Parteien hatten Einfluss auf die Armeeführung und das Offizierskorps, weshalb es in den zwanziger Jahren insgesamt zu zehn Putschen kam, die sich im Wesentlichen an der Frage der Monarchie entzündeten.

Ein Putsch republikanischer Offiziere im März 1935 missglückte. Dies nahm die royalistische Partei (u.a. Ioannis Rallis) und die royalistischen Militärs (u.a. Ioannis Metaxas) zum Anlass aus dem Militär republikanisch eingestellte Offiziere zu entfernen und am 3. November 1935 ein Plebiszit über die Wiederherstellung der Monarchie durchzuführen, in dessen Ergebnis der König Georg II. als Monarch nach Griechenland zurückkehrte.

Um die Macht der royalistischen Partei zu legalisieren, wurden im Januar 1936 Wahlen durchgeführt. Die Parlamentswahlen führten jedoch zu einer Patt-Situation. Die royalistische Volkspartei erreichte 143 und die republikanische Liberale Partei 141 Parlamentssitze. Die Volksfront (ein linkes Bündnis zusammen mit der KPG) erlangte 16 Sitze. Die Liberale Partei unter Sofoulis (Nachfolger von Venizelos) koalierte mit der Volksfront und Sofoulis sollte zum Ministerpräsident gewählt werden. Diese Koalition scheiterte unter dem Druck der Volkspartei und dem rechten Flügel der Liberalen Partei, die eine Entwicklung wie in der Spanischen Republik verhindern wollten und offen mit einem Militärputsch drohten. Nach einem Pakt zwischen der Volkspartei und der Liberalen Partei wurde schließlich der General Metaxas, ein Anhänger und Vertrauensmann des Königs und der Monarchie, Ministerpräsident.

Als das Parlament am 23. April 1936 zusammentrat, ermächtigten – angesichts der mächtigen Streikbewegung und der Drohung der Militärs mit einem erneuten Putsch – beide bürgerliche Parteien Metaxas per Erlass unter Ausschluss des Parlaments zu regieren und das Parlament vertagte sich auf fünf Monate.4

3.2 Zur faschistischen Diktatur von General Metaxas

General Metaxas löste am 4. August 1936 das Parlament auf, verbot alle Parteien und jegliche politische Betätigung. In Anlehnung an das „3. Reich“ der Nazis proklamierte Metaxas die „Dritte Hellenische Zivilisation“. Der Antikommunismus wurde zur Staatsdoktrin. Die Gewerkschaften wurden in eine staatliche Arbeitsfront umgewandelt, deren Anführer Angestellte des Arbeitsministeriums waren.

Mitglieder der Nationalen Jugendorganisation (EON) begrüßen Ioannis Metaxas mit dem „römischen Gruß“, Greek State – The magazine Neolaia, published by the Greek State, © gemeinfrei

Der Geheimdienst wurde nach dem Vorbild der Gestapo der Nazis organisiert. Ein Staatssekretariat für Propaganda wurde nach dem Muster des Nazi-Propagandaministeriums eingerichtet. Vergleichbar der Hitlerjugend wurde eine staatliche Jugendorganisation, die „Nationale Jugendorganisation“ (EON) geschaffen.

Polizei, Gendarmerie und die Armee wurden auch im Hinblick auf einen Bürgerkrieg aufgerüstet. Die Anführer, viele Mitglieder und Anhänger der KPG wurden verhaftet, in Konzentrationslager oder ins Gefängnis gesteckt.

Neben den diktatorischen Maßnahmen wurden soziale staatliche Maßnahmen erlassen, um der Diktatur Metaxas eine soziale Basis in der Bevölkerung zu verschaffen: Bauern wurde ein Teil ihrer Schulden erlassen, Mindestlöhne wurden festgesetzt, die Arbeitszeit der Frauen und Kinder wurde begrenzt und die Unfallversicherung in den Betrieben wurde verbessert.

In den dreißiger Jahren erhielt die Industrialisierung Griechenlands einen erneuten Schub: Zum einen wurden industrielle Neugründungen durch das akkumulierte Kapital mittels Krediten und Beteiligungen der Banken möglich. So stieg die industrielle Produktion von 1924 bis 1939 um mehr als das Doppelte. Von 1929 bis 1936 wurden fast 600 neue Industriebetriebe gegründet. Zum anderen erhielt die industrielle Entwicklung durch ausländische Investitionen in Form von Staatsanleihen und Privatinvestitionen einen Antrieb. So erklärt sich auch der Anstieg der Industriearbeiter*innen in dieser Periode, die von 1925 bis 1938 von 300.000 auf 400.000 Beschäftigte (einschließlich der handwerklichen Kleinbetriebe) zunahm. Reine Industriearbeiter*innen waren 1938 ca. 260.000.

Unter der Diktatur des Generals Metaxas verschoben sich die außenwirtschaftlichen Beziehungen deutlich. Sowohl bei den Ausfuhren, wie auch bei den Einfuhren nahm im Zeitraum 1936 – 1939 NS-Deutschland eine weit herausragende Spitzenposition ein und überflügelte die bisher dominierenden Länder, USA und England, um ein Vielfaches.

England, das traditionell in der griechischen Ökonomie große Investitionen angelegt hatte, wurde unter der Diktatur Metaxas von NS-Deutschland überflügelt. Der Außenhandel Griechenlands mit NS-Deutschland verdoppelte sich unter Metaxas Diktatur. NS-Deutschland unterstützte die Diktatur Metaxas, um sowohl den politischen als auch den ökonomischen Einfluss Englands in Griechenland zurückzudrängen.

Da Großbritannien das Königtum und die royalistische Partei unterstützte, war der republikanische Teil des Bürgertums zu einem erheblichen Teil anti-englisch und pro-deutsch eingestellt. Aus dieser Haltung heraus hatte ein Teil der bürgerlichen Intelligenz in den 20er Jahren bevorzugt an deutschen Hochschulen studiert und viele Militärs – auch Ioannis Metaxas – ließen sich an der Berliner Kriegsakademie ausbilden. Diese pro-deutsche Einstellung kam jetzt NS-Deutschland zu Gute.

3.3 Metaxas Lavieren zwischen Deutschland und England im beginnenden 2. Weltkrieg

Als am 28. Oktober 1940 Italien von dem bereits besetzten Albanien aus Griechenland angriff, widersetzte sich die Regierung Metaxas. Armee und viele Freiwillige aus der Bevölkerung Griechenlands brachten den italienischen Angriff zum Stoppen.5

NS-Deutschland trat nun gegenüber der griechischen Regierung als diplomatischer Vermittler italienischer Interessen auf und bereitete sich in Wirklichkeit umgehend auf einen eigenen militärischen Angriff gegen Griechenland vor.

Metaxas hingegen glaubte durch Taktieren Griechenland aus dem Krieg Deutschlands gegen England im östlichen Mittelmeer und Nahen Osten heraushalten zu können. Deshalb widersetzte er sich der Verlegung mehrerer englischer Divisionen nach Griechenland.

Da die englische Luftwaffe von ihren Stützpunkten in Griechenland die von NS-Deutschland ausgebeuteten Erdölfelder in Rumänien erreichen konnte und da der von England kontrollierte Nahe Osten Ziel deutscher Eroberungen war, war das monatelange diplomatische Lavieren Metaxas nicht von Erfolg gekrönt. Von den deutschen Diplomaten des Auswärtigen Amtes NS-Deutschlands wurde die Regierung Metaxas lediglich hingehalten und in Sicherheit gewogen, um die Vorbereitungen zu einem militärischen Angriff NS-Deutschlands gegen Griechenland abschließen zu können.

5. Oktober 2019 Dr. Peter Milde

Endnoten:

1 Alle statistischen Angaben sind oft nur Schätzungen oder basieren auf offiziellen Zählungen, die jedoch teilweise unvollständig, widersprüchlich oder nicht spezifisch genug waren. Die statistischen Angaben können daher nur als ungefähre Zahlen angesehen werden und wurden aufgerundet und sind als ca. Angaben zu verstehen.

2 Noch 1961 betrugen die Erwerbstätigen in der industriellen Produktion nur 607.000, das entsprach ca. 17% aller Erwerbstätigen. Rechnet man die Beschäftigten in handwerklichen Kleinbetrieben und die Angestellten heraus, so betrug die Zahl der rein industriellen Arbeiter*innen schätzungsweise ca. 400.000. Die Industrie beschränkte sich weitgehend auf Athen und Saloniki. 70% der gesamten Industrie konzentrierte sich allein auf den Großraum Athen (Statistische Erhebung).

3 Rizospastis, Zeitung der KPG, 14.12.1924; in: Dimitri Pentzopoulos: The Balkan Exchange of Minorities and its Impact upon Greece, Paris – The Hague 1962, S. 190; zitiert nach: Walter Fischer / Eberhard Rondholz: Revolution und Konterrevolution in Griechenland, DAS ARGUMENT 57, Mai 1970, S. 115.

4 Ein griechisches Parlament sollte erst wieder nach dem 2. Weltkrieg zusammen kommen.

5 Allerdings verharrte zu dieser Zeit die Leitung der KP Griechenlands auf ihrer Einstellung, dass es sich zwischen Italien und Deutschland auf einer einen und Großbritannien auf der anderen Seite um einen zwischenimperialistischen Krieg handele und lehnte die Beteiligung am oder gar die Organisierung eines nationalen Widerstands in Griechenland gegen den Angriff der faschistischen Mächte ab.

(Die Angaben zur verwendeten Literatur werden am Ende der Veröffentlichung aller Vorträge mitgeteilt.)

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