fips news nr. 18: personzentrierte krisenintervention und Suizidprävention mit Gefangenen – Dokumente Teil 3

  • Inhalt:
    • Selbsttötung in der Untersuchungshaft verhindern
    • Warum Suizidprävention im Gefängnis?
    • Handschellen. Erfahrungen mit Festnahme und Haft
    • Krisenintervention und Suizidprävention in den Gefängnissen
    • Dankesrede auf der Verleihung des Suizidpräventionspreises

Editorial:

Wir setzen in diesem FIPS NEWS Nr. 18 die Informationen über die Personzentrierte Krisenintervention und Suizidprävention bei suizidgefährdeten Inhaftierten in hessischen Gefängnissen fort.

Zu unterschiedlichen Aspekten unseres Konzepts der personzentrierten Sozialpädagogik und Kunsttherapie mit Suizidgefährdeten befinden sich in den Ausgaben von FIPS NEWS Nr. 1, 2, 6, 7, 10 und 11 weitere Artikel.

Die Fotos in diesem FIPS NEWS wurden auf der Vernissage der Ausstellung „Verschlossene Welten“ in der Karmeliter-Kirche in Mainz am 15. September 2018 aufgenommen, in der von suizidgefährdeten Gefangenen in den Behandlungsgruppe gezeichnete und gemalte Bilder ausgestellt wurden. Die Spiegelungen in den Fotos geben den Bildern einen einzigartigen, surrealistischen Ausdruck. Es handelt sich um private Fotos.

1.5.2020 Dr. Peter Milde

Selbsttötung in der Untersuchungshaft verhindern

Leider hat sich in der Untersuchungshaft der sogenannte Behandlungsvollzug bisher kaum durchgesetzt. Dies ist ein schwerwiegender Mangel, denn Suizidversuche treten während der Untersuchungshaft viel häufiger auf als während der Strafhaft. Besonders häufig ist das in den ersten drei Monaten der Haft der Fall. Um Suizide in U-Haft zu verhindern, haben meine Mitarbeitenden und ich vor knapp zehn Jahren das Projekt „risk assessment“ (zu Deutsch: Risikoeinschätzung) an der JVA Weiterstadt eingeführt. Mit einem kunsttherapeutischen Ansatz sollen die Ressourcen der U-Häftlinge gestärkt werden, um damit Suizide zu verhindern.

Das Projekt lief von 2006 – 2011 in der JVA Weiterstadt. Seit 2012 wird es in der JVA Frankfurt am Main I fortgesetzt. Am 14. Juli 2015 wurde es mit dem Suizidpräventionspreis der Bundesarbeitsgemeinschaft Suizidprophylaxe im Justizvollzug ausgezeichnet. Dieser Preis würdigt Projekte, die zeigen, wie man das Risiko eines Gefangenen, sich selbst zu töten, besser einschätzen kann und welche Möglichkeiten es gibt, Suizide in Haft zu verhindern.

Das Risikomanagement unseres Ansatzes besteht aus drei Bausteinen:

Erstens, die Risiko- und Krisendiagnostik, mit der gefährdete Gefangene im Zugangsgespräch des Sozialdienstes, beziehungsweise im Diagnose-Gespräch des psychologischen Dienstes rechtzeitig erkannt werden sollen. Durch das Zugangsgespräch werden alle Untersuchungshaftgefangenen erfasst. Falls sie sich auffällig verhalten oder zu einer Risikogruppe gehören, erfolgt eine psychologische Einschätzung. Als Risikomerkmale gelten: schwere Gewaltdelikte, Sexualdelikte, Straftaten im sozialen Nahraum und Brandstiftungsdelikte. Auch bereits vorhandene Hinweise auf Suizid- oder Selbstverletzungsgefahr führen dazu, dass die Betroffenen der Risikogruppe zugeordnet werden. Außerdem gelten U-Häftlinge über 54 Jahre als besonders gefährdet.

Zweitens, praktisch-kreative Gruppenaktivitäten mit künstlerischen Materialien und spiel- beziehungsweise musiktherapeutischen Anteilen.

Diese Angebote sollen
• von den psychischen Belastungen ablenken,
• eine therapeutische und kreative Auseinandersetzung mit den Problemen ermöglichen, eine konstruktive und gewaltfreie Kommunikation beziehungsweise Interaktion ermöglichen und eine solidarische gegenseitige Unterstützung in der Gruppe fördern,
• persönliche Veränderungen anstoßen durch die Reflektion des eigenen Verhaltens, der Einstellungen und Erwartungen.

Dabei spielen das Erleben der eigenen Kreativität und der Austausch in der Gruppe und mit der Gruppenleitung eine wichtige Rolle.

Drittens, die sozialpädagogische Gesprächsgruppe. Sie arbeitet mit einem gruppendynamischen Ansatz und soll die Gefangenen motivieren, ihre Kommunikation und ihr soziales Miteinander zu verbessern. Außerdem zielt sie darauf, dass sich die Gefangenen mit ihrer persönlichen Situation und ihren individuellen Schwierigkeiten befassen.

Die Gruppenveranstaltungen werden durch ausgebildete Kunsttherapeutinnen, Kunstlehrer/innen, Personen mit künstlerisch-graphischer Ausbildung sowie Sozialpädagogen/innen angeleitet. Die Teilnahme am „Risk Assesment“ ist freiwillig und dauert in der Regel sechs Wochen. Ziel ist es, die Untersuchungshäftlinge möglichst rasch und dabei nachhaltig zu stabilisieren, indem man sie motiviert, auf konstruktive Weise aktiv zu werden.

12.11.2015 Dr. Peter Milde

(Zuerst erschienen in: BAG-S, Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e.V., Informationsdienst Straffälligenhilfe, 23. Jahrgang, Heft 3/2015, S. 45 – 46).

Warum Suizidprävention und Krisenintervention im Gefängnis?

  • Weil bei uns der Mensch zählt.
  • Weil sich niemand in einer Schock-Situation das Leben nehmen sollte.
  • Weil unsere Arbeit der erste Schritt zur Resozialisierung ist.
  • Weil Täterarbeit auch Opferschutz ist
  • Weil Täter oft auch Opfer sind.

Die Gründe, warum Menschen in die Untersuchungshaftanstalt gebracht werden, sind unterschiedlich. Die Geschichten und Taten der Betroffenen sind vielfältig, die Schuldfrage ungeklärt. Untersuchungshäftlinge erleben, wie sie plötzlich aus ihrem gewohnten Umfeld heraus verhaftet werden, wie der Kontakt zu Freunden, zu Familie und Kindern abbricht. Sie stehen womöglich kurz vor dem Verlust ihrer Wohnung, ihres Arbeitsplatzes, ihrer Existenzgrundlage. Die Betroffenen befinden sich in einer außergewöhnlichen Situation. Sie sind eingesperrt, nahezu handlungsunfähig und können sich vor allem in der ersten Zeit kaum beschäftigen.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Im Zeitraum von Januar 2000 bis Dezember 2010 haben sich 907 Gefangene in deutschen Justizvollzugsanstalten das Leben genommen. 53% davon befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft. Selbsttötungen in der Untersuchungshaft sind damit signifikant häufiger als in Strafhaft. Mit 48% ist die Anzahl der Suizide in den ersten drei Monaten der Inhaftierung signifikant erhöht. 13% töteten sich gar innerhalb der ersten 3 Tage der Haft.

Personenzentrierte Krisenintervention ist ein Konzept, das suizidalen Krisen entgegen wirkt, indem es das erschütterte Selbst in einer schweren persönlichen Krise stärkt, Mut, Hoffnung und Perspektive erschließt. Wir unterbreiten neu Inhaftierten, die besonders schwer mit ihrer Lage zurechtkommen, ein sozialpädagogisches und kunsttherapeutisches Angebot. Wir machen Gruppenarbeit, wir hören zu, wir reden, wir malen, wir zeichnen. Die Gefangenen erleben Anteilnahme, können sich ablenken, werden befähigt sich gegenseitig in der Gruppe zu unterstützen, entdecken ungeahnte Fähigkeiten, entwickeln Toleranz, neues Selbstbewusstsein und Perspektiven.

Damit ist unsere Arbeit der erste wichtige Schritt zur Resozialisierung und nicht verletzenden Konfrontation mit Haft, Schuld und Scham. Unsere Arbeit wurde evaluiert und konnte gute Erfolge erzielen. Wir konnten vielen über die schwere Anfangszeit der Haft hinweg helfen und haben dabei noch so manchen Künstler entdeckt. (Datenquelle: Studie des nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland)

Wir

  • Machen Gruppenarbeit
  • Führen Einzelgespräche
  • Hören zu
  • Arbeiten Probleme auf
  • Entwickeln Perspektiven
  • Versuchen die Umstände zu akzeptieren
  • Leben Toleranz
  • Stellen gemeinsame Regeln auf
  • Zeichnen
  • Malen
  • Töpfern
  • Spielen
  • Schreiben
  • Häkeln
  • Haben eine kleine Leihbibliothek

(Kontakt: FIPS@gmx.ch)

Handschellen

Festnahme

Handschellen. Kalt und stramm angelegt sind sie sehr unangenehm. Vor allem am Rücken angelegt. Im blauen Taxi sitzt man ja drauf. Da wissen die Hände gar nicht, ob sie weh tun oder einschlafen sollen.

Nein, ich sage nicht zur Sache aus. Die Nummer meines Anwaltes ist…

Nein, ich bin mit der Durchsuchung meiner Wohnung nicht einverstanden. Nein, ich bin mit der Erfassung meiner DNA und Fingerabdrücke nicht einverstanden.

Nein, es soll niemand informiert werden.

Die Tür fällt ins Schloss. Ruhe, Kälte, Dunkelheit. Vor allem in mir drinnen.

Input vs. Abschottung

PIN-Codes, Email-Accounts, To-do-Listen, Lektüren fürs Studium – alles hat in dieser Sekunde seine Bedeutung verloren. Diese Dinge sind noch in meinem Kopf – aber das iPhone liegt vier Etagen höher.

Diese Entschleunigung des Alltages ist brutal. Wenn man nichts am Körper trägt außer der Kleidung, ist man auf sich selbst zurückgeworfen.

Im Streifenwagen-Radio hört man noch eine Kritik an der reinen Informationsgesellschaft – und man selbst wird ihr entrissen.

Schlafen? Nicht jetzt. Adrenalin-Spiegel ist noch deutlich zu hoch. Um ihn zu senken läuft man auf und ab. Das Milchglasfenster lässt nur fahles Licht hindurch. Keine Infos darüber, was draußen passiert, während man hier drin wartet.

Der Kopf braucht Input. Also sucht er sich welchen. Es hängen 1142 Fliesen an der Wand.

Die Haftrichterin ist grimmig drauf. Die Staatsanwältin ist auch not amused. U-Haft. Tränen. Transport in die JVA.

Transport

Diese Kiste hat Fenster und man erhascht ein paar letzte Blicke von „draußen“. Mist wieder Input, beinahe wie in der Straßenbahn – nur dass die Fahrgäste hier durch Kabinen getrennt sind. Muss man mal dem RMV vortragen. Wenn man wieder draußen ist. Alles dreht sich um draußen. Das Gesetz sieht vor, dass es bis zum nächsten „draußen“ 6 Monate dauern kann.

Ankunft in der JVA. Ich höre Sicherheitsstufe 1. Vor meinem geistigen Auge rufe ich Wikipedia auf und schlage nach, was das heißt. Ich sehe das Wikipedia-Layout – kann aber nix lesen. Selbst wenn mir die blau Uniformierten meine Brille aushändigen würden.

Sicherheitsstufe 1 ist aber für Ausbrecher nicht besonders witzig. Man unterschreibt beim Zugang, dass man bei einer Flucht durch Schusswaffen lebensgefährlich verletzt werden kann.

Zugangszelle, Einzelzelle. Ohne Fenster. Ohne Zeitung.

Zugangsarzt – reden wir nicht drüber.

Später in der „richtigen“ Zelle. Kleine Fenster. Blick in den Hof. Keine 1000 qm – man läuft also im Kreis. Die gleiche Bewegung, wie die Gedanken. Die Häftlinge haben ein Wort dafür: „Hirnficken“.

Irgendwann merkt man, wie manche Beamten Willkür walten lassen – oder es fühlt sich zumindest so an. Es macht einen rasend! Mit Anwälten drohen? Besser nicht…

Irgendwann merkt man, dass man hier so gut wie niemandem trauen kann und besser die Schnauze hält, wenn man nicht Gefahr laufen will, einen Schlag auf selbige zu bekommen.

Um was sollen sich die Gedanken drehen, wenn man sich um sich selbst dreht?

Einsamkeit

Einsamkeit macht sich nun breit. In der zweiten Nacht dringt sie bis auf die Knochen zu dir vor.

Was denkt die Familie, wenn sie das erfährt? Was denken die Freunde?

Und ganz wichtig: Erhält man sich die Selbstachtung?

Blicke in den Spiegel – ja – aber nicht in die Augen.

Aus Angst davor, was man darin sieht – oder eben nicht sieht.

Tage vergehen. Man hat endlich den Anwalt am Telefon. Man wartet auf erste Neuigkeiten über das eigene Verfahren. Auf der Zelle macht man sich Gedanken und Notizen….

Fernseher gibt’s nicht. Am Gefängnisshop bekommt man den SPIEGEL – oder den Focus.

Der SPIEGEL ist nach 2 Tagen komplett gelesen – und da man nur einmal die Woche einkauft, denkt man über Artikel nach und bildet sich eine eigene Meinung. Das lenkt ab. So vergehen Tage. Und man taut auf gegenüber den Mitgefangenen.

Tabak hab ich nicht. Erfahre aber, dass das Zeug auch als Nichtraucher nützlich sein kann.

Hofgänge werden gezählt. Und man baut erste „Hallo – wie geht’s? – Kontakte“ auf. Man beginnt zu merken, wie die anderen mit der Situation umgehen (wollen).

Das Alleinsein hört auf.

Aber die Einsamkeit dauert an.

In einer Projektgruppe baut man erste Brücken. Smalltalk-Themen.

Aber die Einsamkeit dauert an.

Man lernt, wen man meiden sollte, und auf wen man zugehen kann.

Aber die Einsamkeit dauert an.

Das Radio stellt eine dauerhafte Verbindung her – von draußen nach drinnen. Irgendwann kommt man damit zurecht. Es sei denn, man hört RPR1 und hört gefühlte 3mal pro Stunde die gleiche Musik.

Im SPIEGEL sieht man Werbung für ein Fernstudium – und denkt darüber nach, was man tun kann, wenn man jahrelang hier bleiben muss.

2012 Anonym

(Von einem Gefangenen der Kriseninterventionsgruppe geschrieben).

Krisenintervention und Suizidprävention bei Gefangenen –
Das personzentrierte Konzept in der JVA Weiterstadt und der JVA Frankfurt

Seit 2006 zunächst in der JVA Weiterstadt und seit 2012 in der JVA Frankfurt am Main 1 wird unter der Bezeichnung „risk assessment“ eine Gruppenkrisenintervention und Suizidprävention vorwiegend mit Untersuchungsgefangenen umgesetzt.

Dieses Konzept entstand als Reaktion auf die Konfrontation mit der Erfahrung der MitarbeiterInnen, dass bei ca. 10% der Untersuchungsgefangenen mit dem Haftantritt eine ernste Lebenskrise auf Grund von Versagenserleben, Schuldvorwürfen und Scham sowie Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Deprivation und diversen Ängsten auftritt und diese nicht selten zu einem psychischen Zusammenbruch mit Suizidgedanken und -absichten, oder gar zu direkten Selbstverletzungen oder Suizidversuchen führt.¹

Die Betroffenen befinden sich in einer außergewöhnlichen Lebenssituation, in der bisherige Lebenserfahrung kaum eine Hilfe ist, denn sie sind eingesperrt, erleben sich nahezu handlungsunfähig, haben wenig Abwechslung, anfangs keinerlei Beschäftigung und erleben sich verunsichert und fremdbestimmt.

Das Konzept umfasst neben einer sozialen und Risikodiagnostik zu Beginn der Inhaftierung ein sozialpädagogisches und kunsttherapeutisches Gruppenangebot. Die Gefangenen können in den Gruppen Anteilnahme erleben, können sich ablenken, werden unterstützt bzw. darin befähigt, in der Gruppe zuzuhören und sich gegenseitig zu unterstützen, entdecken ungeahnte kreative und kommunikative Fähigkeiten. Sie entwickeln Toleranz im Umgang miteinander, neues Selbstbewusstsein sowie Perspektiven für überschaubare Zeiträume.

Die „personzentrierte Gruppenkrisenintervention“ ist ein Konzept, das solchen suizidalen Krisen entgegenwirkt, indem es das erschütterte Selbst in einer schweren persönlichen Krise stützt und stärkt. Der Mensch, der auf dem Weg sich selbst aufzugeben, entweder wohl überlegt bilanzierend oder aus momentaner Verzweiflung heraus sich selbst tötet, hat in diesem Moment jede eigene kreative Lebensäußerung verloren. Dagegen ist kreatives Gestalten Ausdruck von Leben und Lebenswille. Daher ist in der Gruppenkrisenintervention mit suizidgefährdeten Gefangenen die Förderung von kreativen, kommunikativen Erfahrungen, das Erleben von Anerkennung, Wertschätzung und Empathie so wichtig, damit sich bei den Betroffenen wieder Mut, Hoffnung und Perspektive erschließen, damit sie wieder Selbstvertrauen und Selbstwertschätzung entwickeln können.²

Wir setzen neben sozialpädagogischen Techniken des Gesprächs, der Beratung und der Gruppendynamik in ganz besonderem Maße kunsttherapeutische Techniken und Methoden ein. Dies hat auch einen ganz praktischen Nutzen: Kunst und Kreativität ist die Sprache, die jeder beherrscht, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Dies ermöglicht es, Gefangene etwa auf Grund von sprachlichen Hürden nicht auszuschließen.

Das Erlernen von künstlerischen Techniken, der Umgang mit Farben und Materialien zielt hierbei nicht in erster Linie auf das Entstehen von ästhetisch Wertvollem, sondern es soll die Individualität des künstlerisch Tätigen zum Ausdruck kommen. Der U-Gefangene soll Raum erhalten, sich zu entfalten. Ebenso soll mit der Maßnahme ein Prozess der Selbsterforschung mit kreativen Mitteln ausgelöst werden.

Die künstlerische Praxis, die Betrachtung, das Gespräch über den künstlerischen Prozess und die Produkte und die wertschätzende und empathische Begegnung mit den Gruppenleiterinnen weckt wieder Freude, sich neu, anders und schöpferisch auszudrücken und neu zu entdecken. Gefangene, die dem Zusammenbruch ihres Selbst nahe sind, die dabei sind die Hoffnung und die Perspektive für ein weiteres Leben aufzugeben, finden in dieser für sie schier aussichtslosen Lage in der Kunsttherapie wie im Erleben in der Gruppe wieder einen Halt im Erleben ihrer Kreativität, im Erleben von positiven Gefühlen und im Erinnern und Erkennen von Schönem und Wertvollem in ihrem Leben.

Sich produktiv zu erleben und auf bildnerische und gestalterische Herausforderungen einzulassen, stärkt das Selbstvertrauen und gibt Mut, sich auch der Herausforderung durch die gegenwärtige Lebenssituation, ihre Ursachen, der mit dem Tatvorwurf verbundenen Schuld und Scham und der Verantwortung zu stellen. Der selbstempathische, selbstbeobachtende Blick auf das eigene künstlerische Werk und das eigene Erleben in der Gruppe eröffnet die Möglichkeit, auch neue, vertiefende Einsichten in das eigene vergangene und zukünftige Leben zu gewinnen. Wir verstehen unsere Arbeit daher auch als einen wichtigen Schritt zur Resozialisierung und nichtverletzenden Konfrontation mit Haft, Schuld und Scham.

Die Gruppenkrisenintervention ist eine intensive Behandlungsmaßnahme auf freiwilliger Basis und ist in der Regel auf sechs Wochen angelegt, wird im Einzelfall aber auch verlängert. Um einen schnellen und nachhaltigen Effekt der psychischen Stabilisierung und Aktivierung des Verhaltens zu erzielen, finden an vier Werktagen in der Woche Gruppensitzungen im Umfang von jeweils drei Zeitstunden statt.

Diese Sitzungen bestehen aus künstlerisch-kreativen, kunsttherapeutischen und sozialpädagogischen Gruppeninterventionen, die jeweils von qualifizierten externen Fachkräften (einer Kunsttherapeutin, Kunstpädagogin, Künstlerin und Sozialpädagogin) durchgeführt werden.

Die Krisenintervention ist so konzipiert, dass kontinuierlich bis zu acht Gefangene gleichzeitig teilnehmen können, diese nach Ablauf von sechs Wochen ausscheiden sowie ständig neue Gefangene in die Maßnahme aufgenommen werden können. Dies bedeutet, dass neu Aufgenommene keine Wartezeit haben und gleichzeitig mit Gefangenen, die bereits eine, zwei oder mehr Wochen in der Maßnahme sind, an dieser neu teilnehmen. Dies trägt zur Kontinuität des Gruppenprozesses bei und wirkt sich auch auf den Erfolg positiv aus.

Neben der beobachtbaren positiven Verhaltens- und Einstellungsveränderung und psychischen Stabilisierung wurde über sechs Jahre die Krisenintervention mit dem standardisierten Test „Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens“ evaluiert. Bei diesem Test wird die aktuelle Befindlichkeit nach Beendigung der Teilnahme mit der affektiven Befindlichkeit zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Gruppenkrisenintervention verglichen. In diesen sechs Jahren lag der Durchschnittswert aller Abschlusstests im Bereich der höchstsignifikanten Veränderung. In den 10 Jahren seit dem Bestehen der Gruppenkrisenintervention konnten über 500 Gefangene mit der Behandlung erreicht werden.

22.2.2016 Dr. Peter Milde
(Erziehungswissenschaftler, Personzentrierter Berater, Diplom-Sozialarbeiter, Vollzugsabteilungsleiter)

Endnoten:

¹ Im Zeitraum von 2000 bis 2010 nahmen sich 907 Gefangene (davon 23 Frauen) in deutschen Gefängnissen das Leben. Mehr als die Hälfte aller Suizidenten befanden sich in Untersuchungshaft, das entspricht einer Fünffach höheren Suizidziffer in der Untersuchungshaft im Vergleich zur Strafhaft. Innerhalb der ersten drei Tage nach Zugang in das Gefängnis entfallen 13% der Suizide. (Siehe: Dr. Katharina Bennefeld-Kersten, Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland, Suizide von Gefangenen in Deutschland von 2000 bis 2010, März 2012).

² Zum personzentrierten Konzept von Carl Rogers und seiner Anwendung in der Sozialpädagogik und Krisenintervention im Gefängnis siehe: Peter Milde, Sozialpädagogik mit männlichen Gefangenen im Spannungsfeld von aktueller Betreuung, Resozialisierung und Therapie / Pädagogik im Gefängnis statt ‚Gefängnispädagogik‘ – theoretische Überlegungen und Erfahrungen, Frankfurt am Main 2013.

(Zuerst erschienen in: FS Forum Strafvollzug, Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe, Ausgabe 2/2016, S. 108 – 109).

Dankesrede von Dr. Peter Milde auf der Verleihung des Suizidpräventionspreises am 14. Juli 2015 in Wiesbaden

Vielen Dank für die Verleihung des Suizidpräventionspreises 2014 durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Suizidprophylaxe im Justizvollzug.

Vielen Dank Frau Dr. Meischner-Al-Mousawi für die anerkennenden und netten Worte.

Sehr geehrte Abteilungsleiterin für den Justizvollzug im HMdJ Frau Schröder,

sehr geehrte Anstaltsleiterinnen und Anstaltsleiter,

sehr geehrte Anwesende.

Die heute erfahrene Anerkennung unserer Präventionsarbeit mit suizidgefährdeten Inhaftierten erfüllt uns mit Stolz.

Die ständige gegenseitige Information und Zusammenarbeit zeichnet unser Team aus. Teamsupervision und die Reflexion unserer Arbeit, auch im Rahmen von Außendarstellungen führte zu einer außerordentlichen Identifikation von jedem von uns mit unserer gemeinsamen Aufgabe der Krisenintervention und Suizidprävention. Ich bin überzeugt, dass diese schwierige Aufgabe anders gar nicht möglich wäre.

Die Mitarbeit der externen, nebenamtlichen Gruppenleiterinnen ist hierbei ein unverzichtbarer Bestandteil, da sie sich auf die Gestaltung der sozialpädagogischen und therapeutischen Begegnung mit den Gefangenen allein auf der Grundlage ihres Einsatzes und ihres Könnens ohne sonstige normative, institutionelle Anforderungen konzentrieren können.

So sind die therapeutische und sozialpädagogische Arbeit einerseits und die Risikodiagnostik sowie die Entscheidungen über sonstige Maßnahmen, wie Arbeitseinsatz oder institutionelle Sicherungen andererseits zwar getrennt, jedoch durch den gegenseitigen Austausch zum Wohl der Förderung der Klienten wieder miteinander verbunden.

Diese intensive Begegnung und Auseinandersetzung mit jedem Klienten sowie mit den dynamischen Momenten in den Gruppen erfordert es, dass wir uns mit unserer Persönlichkeit einbringen, denn wir wenden uns Menschen zu, die sich vermutlich mit Schuld oder gar schwerer Schuld beladen haben. Wir müssen daher auch über unsere Gefühle und unsere Einstellungen den Klienten gegenüber reflektieren, um einen offenen und vorurteilsfreien Blick zu behalten, um nicht in schablonenhaftes Denken zu verfallen, um ein wertschätzendes und empathisches Verhalten realisieren und zugleich unseren eigenen Gefühlen und Einstellungen gegenüber kongruent bleiben zu können.

Dies bedarf großer psychischer Kraft. Und ich möchte mich ganz besonders bei den Gruppenleiterinnen bedanken, die immer wieder gefordert sind, diese Energie aufzubringen.

Oft wird der Erfolg einer Suizidprävention an der Statistik gemessen. Wir müssen diesen Maßstab nicht scheuen, denn auch die quantitative Evaluation spricht für unsere Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Statistik alleine, die etwas über den Erfolg der Suizidprävention aussagt. Die vielen Einzelschicksale, die eine positive Entwicklung und Veränderung ihres Selbst erfahren haben, sind uns wichtig.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einen, mir ganz wesentlich erscheinenden Aspekt unserer Arbeit hinweisen. Wir setzen neben sozialpädagogischen Techniken des Gesprächs, der Beratung und der Gruppendynamik in ganz besonderem Maße kunsttherapeutische Techniken und Methoden ein. Zum einen hat dies einen ganz praktischen Nutzen: Kunst und Kreativität ist die Sprache, die jeder kann, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Dies ermöglicht es, keinen Gefangenen etwa auf Grund von sprachlichen Hürden auszuschließen, wenn wir auch die damit verbundenen Probleme nicht weg reden wollen.

Der Frühromantiker Friedrich Schlegel hatte 1797 in seinem Studium der griechischen Poesie auf die gewaltige Kraft der Kunst als einer Hilfe für – wie er es nannte – verunglückte natürliche Bildung hingewiesen. Er schrieb:

„Nur auf Natur kann Kunst, nur auf natürliche Bildung kann die künstliche (gemeint ist die künstlerische, AdV.) folgen. Und zwar auf eine verunglückte natürliche Bildung: denn wenn der Mensch auf dem leichten Wege der Natur ohne Hindernis immer weiter zum Ziele fortschreiten könnte, so wäre ja die Hülfe der Kunst ganz überflüssig, und es ließe sich in der Tat gar nicht einsehen, was ihn bewegen sollte, einen neuen Weg einzuschlagen.“ ¹

Friedrich Schlegel stellte hier etwas in einen größeren philosophischen Zusammenhang, was die Künstler erst später noch erkennen mussten: Künstlerische Bildung und künstlerische Kreativität ist eine Kraft, die Menschen verändern und ihnen ermöglichen kann, einen neuen Weg einzuschlagen.

Das Erlernen von künstlerischen Techniken, vom Umgang mit Materialien, Farben usw. in der Suizidprävention zielt daher nicht in erster Linie auf das Entstehen ästhetisch Wertvollem, sondern durch das pädagogisch angeleitete Experimentieren mit den verschiedenen künstlerisch-kreativen Möglichkeiten etwa im Malen und Zeichnen soll die Individualität des künstlerisch tätigen Klienten zum Ausdruck kommen und einen Raum erhalten, sich zu entfalten.

In der Betrachtung und im Gespräch über die künstlerischen Produkte wiederum können diese offenbaren, wie dieser Mensch zu dem geworden ist, was er heute ist, aber sie vermögen uns auch einen Einblick darauf zu geben, wozu dieser Mensch künftig in der Lage sein könnte. Im freien Assoziieren öffnet sich das Denken des Klienten, entfaltet sich sein Selbst, entwickelt sich sein Selbstvertrauen, sein Mut und seine Zuversicht.

Menschen, die dem Zusammenbruch ihres Selbst nahe sind, die dabei sind die Hoffnung und die Perspektive für ein weiteres Leben aufzugeben, finden in dieser für sie schier aussichtslosen Lage in der Kunsttherapie, wie im Erleben in der Gruppe wieder einen Halt im Erleben ihrer Kreativität, im Erleben von positiven Gefühlen und im Erinnern und Erkennen von Schönem und Wertvollen in ihrem Leben. Dieser Prozess wird dadurch gefördert, dass die Klienten im künstlerischen Prozess und im gruppendynamischen Prozess in der Reflexion und dem Gespräch Achtung und Wertschätzung durch die Gruppenleiterinnen und dadurch dann auch durch die andern Gruppenteilnehmer erleben.

Und auch hier haben wir eine Parallele zum modernen Kunstbegriff: Es wird nicht nur Wert auf das künstlerische Ergebnis gelegt, sondern auf den Prozess des Entstehens des Kunstwerks und der Reflexion über seine Bedeutung in der Gruppe. Der künstlerische Prozess soll die freie Selbsttätigkeit erlebbar machen. Ein solcher Prozess und eine solche Selbstreflexion schafft Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertschätzung. Diese sind die Grundvoraussetzungen, um Veränderungen zu bewirken und können damit letztlich auch weit mehr als Suizidverhütung bewirken. Dies ist ein wesentlicher Schritt und Baustein hin zu einer gelingenden Resozialisierung.

Und ich möchte hier noch einen Bezug herstellen zu einer bekannten Vertreterin der Frühromantik. Bettina von Arnim hat 1843 in ihrem Werk „Dies Buch gehört dem König“, die hegelsche idealistische verklärte Auffassung, dass der Verbrecher sich im Verbrechen bereits selbst richte, in einem humanistischen Sinne umgedeutet und auf den Boden der Realität gestellt.

Bettina von Arnim forderte in diesem Werk in der Figur von Frau Rat, der Mutter von Goethe, dass ein gerechtes Urteil zugleich „fortwährend Mitgefühl“ erfordere. Der Richter müsse „sein eignes Selbst im Verbrecher fühlen“, d.h. er müsse „die Möglichkeit ahnen, die Willensstärke erwägen, sich selbst zu retten und die Mittel dazu erforschen“. ²

Dies mag auf dem ersten Blick absurd klingen und in Bettina von Arnims Werk entgegnete der Bürgermeister daher: „Ein Regent soll sich im Verbrecher fühlen! – O, Übermut eines weiblichen Kopfs.“ ³

Doch was forderte Bettina von Arnim anders als ein Konzept von Resozialisierung, das auf der Grundlage von Empathie, Achtung und Wertschätzung aufbaut. Es mag manchem paradox erscheinen angesichts der schweren Schuld, von Empathie, Achtung und Wertschätzung dem Tatverdächtigen oder dem Verurteilten gegenüber zu sprechen, aber ich bin davon überzeugt, einen anderen Weg der gelingenden Resozialisierung gibt es nicht.

Wir haben viel erreicht in den Jahren unserer Suizidpräventionsarbeit meist mit Untersuchungsgefangenen, wir haben viele Einzelpersonen begleitet auf dem schwierigen Weg heraus aus einer existenziellen Lebenskrise. Wir schaffen aber kein Bauwerk, was einmal fertig ist, und das sich dem Auge des Betrachters in voller Pracht offenbart. Wir können uns daher nicht auf unseren Erfolgen ausruhen, sondern wir müssen immer wieder aufs Neue selbstkritisch fragen, was können wir in der Arbeit mit den gegenwärtigen suizidalen Gefangenen verbessern.

Wir kennen die Gruppe der extrem psychisch auffälligen Gefangenen, die auch hinsichtlich der niedrigen Schwelle zur Bereitschaft zu suizidalen Handlungen und Selbstverletzungen auffallen. Häufig wird ihr Verhalten als erpresserisch bewertet. Dies ist aber nur ein – und meiner Überzeugung und Erfahrung nach – nicht der wesentliche Aspekt zur Beurteilung ihres Verhaltens. Ihre demonstrativen selbstverletzenden und suizidalen Handlungen sind Ausdruck einer wirklichen Krise, einer Verzweiflung und eines Hilferufs, da sie mit den gegenwärtigen Belastungen nicht mehr fertig werden. Diese Gefangenen sind oft schwieriger, weil auch ein fremdaggressives Moment in ihrem Auftreten mitschwingt. Diese Personen sind daher nicht immer in der Lage sich in eine Gruppenkrisenintervention konstruktiv einzubringen.

Ganz zu schweigen von psychisch kranken Gefangenen, die bekanntermaßen auch eine Risikogruppe im Hinblick auf eine erhöhte Suizidalität darstellen. Eine Gruppenkrisenintervention wäre auch durch sie überfordert und sie würden schnell jede Gruppenidentität sprengen.

Auch da wir immer mehr dieser Gefangenen auf den ganz normalen Stationen unterbringen müssen und die Bediensteten aller Fachrichtungen von ihnen überfordert sind, haben wir daher im Rahmen der Krisenintervention für diese Gefangenen seit einigen Monaten auch die Möglichkeit einer Einzelbetreuung eingerichtet. Auch wenn unsere Erfahrungen hier noch am Anfang stehen, so können wir doch bereits guter Hoffnung sein, dass es in einigen Fällen doch gelingt, diese Personen bei der Integration in den Vollzugsalltag konstruktiv zu begleiten.

Mein Dank gilt daher allen im Ministerium, den Anstaltsleiterinnen und Anstaltsleitern in Weiterstadt und jetzt in Frankfurt, die unsere Arbeit unterstützen, fördern und finanzieren. Wir mussten auch überzeugen, damit wir diese Unterstützung nun seit 10 Jahren erhalten und wir sind froh, dass wir die richtigen Worte und das richtige Auftreten fanden, um die Verantwortlichen auch von der Qualität und dem Nutzen gerade unseres Konzepts der Kriseninterventions- und Suizidpräventionsarbeit überzeugen zu können.

Alle die sich über unsere Arbeit weiter informieren möchten, sind herzlich eingeladen. Ein Austausch wird immer auch für beide Seiten von Nutzen sein.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Vielen Dank für die heutige Anerkennung auch im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts.

Wiesbaden, 14.07.2015

Dr. Peter Milde

Endnoten:

¹ Friedrich Schlegel, Über das Studium der griechischen Poesie, Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Erste Abteilung: Kritische Neuausgabe, Band 1, München, Paderborn, Wien, Zürich 1979, S. 230; Erstdruck: Neustrelitz (Michaelis) 1779.

² Bettina von Arnim, Dies Buch gehört dem König, Sokratie der Frau Rath, in: Bettina von Arnim, Werke und Briefe, Bde. 1-5, Band 3, Frechen 1959, S. 170; Erstdruck: Berlin (Eduard Heinrich Schröder) 1843.

³ Ebenda

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