September 2020 – FIPS-NEWS Nr. 22: Zu den antiklerikalen und antifeudalen Rebellionen im Hochmittelalter in Süd-, West- und Mitteleuropa – Teil 2

Editorial

In diesem Essay wird vorwiegend auf die Klassenkämpfe in Okzitanien im Hochmittelalter eingegangen, sie hatten Auswirkungen auf Italien, die Niederlande, England, die Schweiz und die damaligen deutschen Länder. Auf der Basis der ökonomischen und sozialen Ausbeutung und Unterdrückung der armen Klassen und Schichten entstanden im Hochmittelalter in den Städten dieser Länder sowie auf dem Land eigenständige Bewegungen und Aufstände gegen die christlich-feudale und christlich-aristokratische Ausbeutung und Unterdrückung. Dieser setzten die antifeudalen und antikatholischen Protestbewegungen und Rebellionen damals urchristliche religiöse Ideen und Vorstellungen gegenüber. Durch die Jahrhunderte lange Vorherrschaft christlicher Theologie in Europa, konnte es kaum eine nicht-christliche Befreiungsideologie geben.

Aufgrund geschichtlicher Unkenntnis und Ignoranz werden die Klassenkämpfe und die organisierten politischen Revolten der armen Bevölkerung in den europäischen Ländern im Hochmittelalter heute jedoch häufig geleugnet.

Die mittelalterliche Ständeordnung in der „Pronostacio“ des Astrologen Johannes Lichtenberger, 1488, „du bete“, „du regiere“, „du arbeite“, gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:St%C3%A4ndemodell_Lichtenberger.jpg

Auch eine solche historische Perspektive bereichert den Ansatz personzentrierter Sozialpolitik unseres Newsletters, dessen Kern der Einsatz für die Interessen der Armen, Unterdrückten und Ausgebeuteten ist.

In FIPS-NEWS Nr. 21 wurden die ersten drei Abschnitte dieses Essays veröffentlicht. In diesem FIPS-NEWS erscheinen die drei letzten Abschnitte.

Gliederung des Essays:

  1. Zu den sozialen Revolten im Hochmittelalter und ihr Verhältnis zur christlichen Ideologie und Kirche
  2. Zu den Kämpfen der Klassen und Schichten im Hochmittelalter
  3. Zu den sozialen, ökonomischen und politischen Gegensätzen zwischen dem Süden und Norden Frankreichs
  4. Zur revolutionären Bewegung der Waldenser und Katharer/Albigenser
  5. Zur gewaltsamen Niederschlagung der Waldenser und Katharer/Albigenser
  6. Zu weiteren Rebellionen der plebejischen und bäuerlichen Bevölkerung in vielen Ländern Europas

1.9.2020 Dr. Peter Milde

Zu den antiklerikalen und antifeudalen Rebellionen im Hochmittelalter in Süd-, West- und Mitteleuropa – Teil 2

4. Zu den revolutionären Bewegungen der Waldenser und Katharer / Albigenser

Gemeinsam war den revolutionären Bewegungen der Waldenser und Katharer/Albigenser im Süden Frankreichs, Italiens und in einigen anderen Teilen West- und Mitteleuropas:

  • die Verachtung des habgierigen Klerus der päpstlichen Kirche,
  • die Ablehnung des privaten Eigentums, da auch Jesus kein Eigentum besessen habe,
  • eine (man würde heute sagen) antikommerzielle Einstellung und die Führung eines einfachen Lebens in „apostolischer Armut“, bzw. einer kollektiven Arbeitsorganisation,
  • die Ablehnung gesellschaftlicher Hierarchien, stattdessen gelebte Solidarität und Gemeinschaft,
  • Frauen hatten – auch in religiösen Angelegenheiten – die gleichen Rechte wie die Männer,
  • Ablehnung der Ehe: Männer und Frauen konnten auch ohne Ehe zusammen leben,
  • die Ablehnung der Todesstrafe,
  • Verweigerung der Zahlung des „Zehnten“ an die weltlichen und geistlichen Feudalherren, Aristokraten, Bischöfe, Äbte, usw.
  • die religiöse Toleranz (verfolgte Juden fanden bei Ihnen Zuflucht),
  • die Rückbesinnung auf das Urchristentum, das „wahre“ Christentum, den „wahren Glauben“ und die „Solidarität“ der „christlichen Gemeinschaft“.

Allerdings gab es auch einige Besonderheiten und Unterschiede zwischen Katharern und Waldensern sowie den sozialen Protestbewegungen in den verschiedenen Regionen und Ländern. So kannten die Katharer sowohl geistliche als auch weltliche Hierarchien. Die Kirche der Katharer im Süden Frankreichs war, solange sie noch legal tätig sein konnte, hierarchisch organisiert, d.h. an ihrer Spitze stand eine kleine Anzahl von Bischöfen und deren Stellvertretern. Außerdem kannten sie Besitzungen und verfügten über eine große Anzahl von Burgen. Dadurch waren die Katharer aber auch schlagkräftig organisiert, verfügten aber im Unterschied zu den Waldensern nicht über eine breit angelegte Untergrundorganisation ihrer Mitglieder.

Diese von den breiten einfachen Massen getragenen Armen-Protestbewegungen gegen die sozialen und politischen Zustände und gegen die diese Zustände rechtfertigende christlich-päpstliche Religion forderte das bestehende Ausbeutungs- und Herrschaftssystem der feudalen weltlichen und christlichen Grundherren und Aristokraten heraus.1

Die weltlichen und geistlichen Herrscher bekämpften daher diese sozialen und religiösen Erneuerungsbewegungen als „Häresien“ (Ketzer) und als „häretische Bewegungen“. Die Armut, die die päpstliche Kirche Jahrhunderte lang als „heiligen Zustand“ pries und Almosen verteilte, war ab dem 13. Jahrhundert in der christlichen Kirche nur noch als „freiwillige“ Armut ein Zeichen der Demut. Soziale Armut wurde von der christlichen Kirche nun als Müßiggang und als Betrug angesehen und die Armen als Basis der Protestbewegungen bekämpft. 1322 wurde die Propaganda des Evangeliums der Armut, der Gleichheit und Brüderlichkeit für ketzerisch erklärt. Die gewaltsame Unterdrückung und die Kreuzzüge gegen die „häretischen“ Bewegungen der armen Klassen sollten 300 Jahre andauern.

Die Armen von Lyon“ (Waldenser)

Während der Hungersnot 1177 verschenkte der Kaufmann Pierre Wald aus Lyon einen großen Teil seines Vermögens an die Armen, organisierte Armenspeisungen, predigte ein frommes Leben in Armut und gründete als Laienprediger eine Armen- und Brüdergemeinde, die sich in Lyon und im Umkreis schnell verbreitete und als die „Armen von Lyon“ benannt wurde. Nach ihrem Gründer wurden seine Anhänger auch als Waldenser2 bezeichnet.

Die Waldenser lehnten den Reichtum ab, lebten einfach und gemeinschaftlich. Sie ließen sich von urchristlichen Vorstellungen leiten und bekämpften die Hierarchie und den Reichtum der Kirche, der aus der Ausbeutung der einfachen Masse stammte. Sie bekämpften die Glaubensvorstellungen und Traditionen der christlichen Kirche, die sich in der christlich-römischen Staatskirche entwickelt hatten, als „unchristlich“, wie z.B. die Reliquien- und Bilderverehrung und die erst in der späten christlichen Staatskirche entstandenen Sakramente. Nur die Buße, die Taufe und das Abendmahl erkannten sie als Sakramente an. Sie lehnten Altar und Kreuz ab. Die Vorstellung der päpstlichen Kirche vom Fegefeuer bezeichneten sie als Erfindung, die dem Klerus durch den Verkauf von Ablässen und Messen nur Geld einbringen sollte.

Die Frauen hatten die gleichen Rechte wie die Männer. Frauen und Männer konnten auch ohne Ehe zusammenleben. Die Frauen durften ihre generative Funktion selbst kontrollieren (durch Abtreibungen und die Verwendung von Verhütungsmitteln). Aus Deutschland und Flandern ist bekannt, dass es auch reine Frauen-Gemeinschaften gab, in denen die Frauen gemeinsam lebten und arbeiteten.

Die Bewegung der Waldenser weitete sich in die Täler der Westalpen3, ins Piemont, nach Savoyen, in Spanien, in Norditalien, in die Schweiz, in die Niederlande, in Süddeutschland, in Österreich, in Böhmen und Polen aus. In Italien schlossen sich die Armen in kooperativen Arbeitsgemeinschaften zusammen, lebten gemeinsam und solidarisch von ihren Einnahmen. Den Besitz, etwa von Wohnhäusern, lehnten die Waldenser in Italien jedoch nicht ab.

Die Anhänger der Waldenser wurden von der christlich-päpstlichen Kirche und den weltlichen Herrschern nicht nur als Ketzer, sondern auch als Hexen und Zauberer, die im Bunde mit dem Teufel stünden, verfolgt und ermordet.

Die guten Christen“ (Katharer)

Eine weitere Protestbewegung im 12. und 13. Jahrhundert waren die Katharer (die Reinen). Die christlich-römische Kirche bezeichnete auch sie als „Ketzer“. Die Katharer entwickelten sich zu einer westeuropäischen Armen- und Protestbewegung. Von 1100 breitete sich die Bewegung von Antwerpen, Löwen, Brügge, Soissons, Utrecht, Lüttich, Köln, Besancon, Trier, Vézelay, Arras, Reims, Troyes, London und Straßburg aus. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts verbreitete sich die Armenbewegung der Katharer im gesamten Rheintal bis zu den Pyrenäen und insbesondere in Okzitanien (mit dem Schwerpunkt im Languedoc) und in Oberitalien. In Südfrankreich wurden sie nach der Stadt Albi auch Albigenser genannt.

Die Protestbewegung der Armen bezeichnete sich selbst als die „guten Christen“ und sie ließen sich von urchristlichen Ideen leiten. Die verkommene katholisch-römische Kirche konnte ihrer Auffassung nach nur einem „bösen“ Gott dienen. Von einer einheitlichen theologischen Auffassung bei den Katharern kann auf Grund der zeitlichen und örtlichen Differenzen jedoch keine Rede sein. Wie stark gnostische Einflüsse (etwa der Dualismus von guter Seele und böser Materie) unter ihnen tatsächlich verbreitet waren, ist umstritten.

Die Priester und Priesterinnen der Katharer lebten bescheiden und wanderten zu Fuß durch die Lande. Sie glaubten an die Inkarnation und lehnten Hölle und Verdammnis ab. Die Katharer waren Vegetarier, da sie sich weigerten Tiere zu töten. Sie lehnten die Ehe ab und strenge Katharer lehnten auch die Zeugung von Kindern ab. Von der korrupten und lasterhaften päpstlich-römischen Kirche sollten sich die Menschen abwenden und keinen „Zehnten“ zahlen.

Die Katharer rekrutierten sich aus allen sozialen Schichten, die in Opposition zu den herrschenden aristokratischen weltlichen und geistlichen Herrschern standen. In Südfrankreich waren vor allem das Proletariat und hier wieder insbesondere das Proletariat aus der Textilherstellung die entscheidende Stütze dieser Bewegung.

In Südfrankreich beteiligten sich, bedingt durch die widersprechenden Interessen zwischen dem okzitanischen Adel einerseits und der französischen Krone andererseits, an dieser Bewegung auch ein Teil des Adels im Longuedoc, dessen prominenteste Vertreter die Grafen von Toulouse (Raimund VI. und der VII.) waren.

Was die Albigenser aus den verschiedenen Klassen und Schichten in Südfrankreich vereinte, war die radikale Ablehnung der päpstlich-christlichen Kirche, des Feudalismus und der zentralen Macht des französischen Königtums.

Der Aspekt des Kampfes gegen die zentrale Macht des französischen Königreichs wurzelte in der eingangs aufgezeigten eigenständigen historischen, ethnischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Entwicklung der Bevölkerung im Süden Frankreichs. Auf ca. einem Drittel des Gebiets Frankreichs vom Atlantik bis zu den Alpen hatte sich die okzitanische Kultur mit eigener okzitanischer Sprache entwickelt. Diese war anderen Ursprungs als die Kultur im Norden Frankreichs.4

5. Zur gewaltsamen Niederschlagung der Waldenser und Katharer / Albigenser

1184 n.u.Z. wurden Wald und seine Anhänger von der christlichen Kirche exkommuniziert und aus Lyon verjagt.5

Die Waldenser existierten fortan weiter als eine starke „Untergrundbewegung“. Diese Untergrundbewegung weitete sich aus auf die Provinz Dauphine, nach Savoyen, das Herzogtum Piemont, nach Italien und nach Genf. In der Schweiz schlossen sie sich 1532 der reformatorischen Bewegung Zwinglis und Calvins an.

Die Verfolgung und Ermordung der Waldenser dauerte mehrere Jahrhunderte an. Diese brutalen Verfolgungen endeten in Südfrankreich erst mit der Ausrottung der letzten Waldenser 1545 – 1560 in den Dörfern am Lubéron. Hier wurden unter der Führung des Barons von Oppède durch Söldner aus deklassierten und verrohten Massen alle Waldenser ermordet und alle von ihnen bewohnten Dörfer dem Erdboden gleichgemacht.

Der Kreuzzug der christlichen Kirche und des zentralen aristokratischen französischen Feudalstaates gegen die Katharer/Albigenser war auch ein Kampf zur Unterwerfung des okzitanischen Südens und seine Eingliederung in den zentralen französischen Staat. Begonnen hatte dieser Kampf im 13. Jahrhundert mit dem „Kreuzzug“ gegen die „Ketzer“, die sog. Albigenser/Katharer. 1208 n.u.Z. rief Papst Innozenz III. gemeinsam mit dem französischen König zum „Kreuzzug“ gegen die Katharer (Albigenser) auf. Vorwand hierfür war die Tötung eines päpstlichen Gesandten in der Kirche St. Gilles westlich der Stadt Arles gelegen. Der sog. Albigenser-Kreuzzug dauerte von 1209 – 1229 n.u.Z.

Die 20.000 Kreuzzügler setzten sich zusammen aus Adligen, Rittern, Söldnern und Abenteurern aus deklassierten armen Schichten. Sie wurden von dem militärisch erfahrenen Simon de Montfort angeführt, der sich im Kreuzzug gegen den Islam und die Araber als Schlächter ausgewiesen hatte. Vom Volk erhielt er den Namen der „Schlechte“. Im Ergebnis dieses sog. Albigenser-Kreuzzuges annektierte die französische Krone 1229 den großen Teil des „midi“, des Süden Frankreichs. Die vertierten Söldner gingen äußerst brutal vor, insbesondere in den Städten Béziers und Carcassonne plünderten sie die Städte und töteten buchstäblich die gesamte Bevölkerung. Sie machten sich nicht einmal die Mühe festzustellen, wer Katharer und wer Katholik war. Es galt die Aussage, die der päpstliche Legat und Abt von Citeaux, Arnaldus Amalrici, gesagt haben soll: „Schlagt sie alle tot, Gott wird die Seinen schon erkennen!“. 20.000 Menschen wurden so alleine in Béziers ermordet. Auch in Minerve, Lavaur und anderen Städten des Languedoc kam es zu fürchterlichen Massakern.

Die Buchmalerei zeigt die Eroberung der Stadt Carcassonne durch die Truppen der Kreuzfahrer im Jahr 1209.(David Auberts „Croniques abregies“, 15. Jh.), gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:David_Aubert,_Chroniques_abr%C3%A9g%C3%A9es.jpg.

Religiöse Beratung erhielten die gedungenen Mörder von Dominikus und seinen Predigern. Viele Städte wurden belagert, erobert oder ergaben sich. Viele Bewohner flohen in die Wälder und die Berge oder wurden getötet. Mit dem Ende des Bürgerkriegs 1229 n.u.Z. war die Verfolgung der Albigenser noch lange nicht beendet. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Albigenser durch die von den Dominikanern organisierte katholische Inquisition und weitere militärische Aktionen vernichtet. Die militärischen Kämpfe, die Belagerung von Burgen und die Eroberung von Städten zogen sich noch Jahrzehnte hin. Die letzten größeren Rückzugsorte der Albigenser im Süden Frankreichs fielen mit der Eroberung der Burg auf dem Monségur 1244 und der Burg Usson 1257 und der Angliederung der Grafschaft Toulouse an die französische Krone 1271. Die Verteidiger und Bewohner wurden als Ketzer verbrannt.

Kirche und König bekämpften die Katharer nicht nur militärisch. Der kastilische Priester Dominikus Guzman erhielt bereits 1204 den päpstlichen Auftrag der Missionierung unter den Albigensern in Südfrankreich. Entgegen den geltenden kirchlichen Regeln, aber mit ausdrücklicher päpstlicher Zustimmung begann Dominikus 1207 als Wanderprediger zu Fuß und in apostolischer Armut seine Missionierung in Südfrankreich. Um die Bevölkerung wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen, ging er nach dem Motto vor: „Wie die Ketzer leben, wie die Kirche lehren“.

Während des militärischen Kreuzzugs gegen die Albigenser hatte die von Dominikus gegründete Predigergemeinschaft, die von den in den eroberten Städten neu an die Macht gekommenen katholischen Herren mit Schenkungen und Privilegien versehen wurde, die Aufgabe, die überlebenden Albigenser missionarisch zu bekehren.

1215 erhielt die Predigergemeinschaft in der katholischen Kirche ihre rechtlich anerkannte Form als Orden der Dominikaner. Die Regeln des Ordens gaben den Dominikanern die Aufgabe, die sogenannten Häresien zu bekämpfen. In den folgenden Jahrhunderten konnte die katholische Kirche sich der Dominikaner bei der Verfolgung und Vernichtung der sogenannten „Häretiker“ und „Ketzer“ mittels der Inquisition sicher sein.

Auch in Norditalien wurden die Katharer verfolgt und ihre letzte Zuflucht in Italien auf der Festung Sirmione am Gardasee wurde 1276 von den Söldnerarmeen eingenommen und die Verteidiger verbrannt.

In den 1290er Jahren entstand erneut eine Untergrundbewegung und Untergrundkirche der Katharer im Languedoc und in den Tälern der Pyrenäen an ca. 125 Orten, die von Wanderasketen betreut wurden. Diesmal wurden die Katharer von den Dominikanern mit der Inquisition und durch systematische Bespitzelung und Denunziation bekämpft. In den 1320er Jahren wurden die letzten Katharer von der Inquisition verbrannt.

6. Zu weiteren Rebellionen der plebejischen und bäuerlichen Bevölkerung in vielen Ländern Europas

Die Protestbewegungen der armen plebejischen städtischen und bäuerlich ländlichen Bevölkerung, wenn sie auch im Languedoc einen Schwerpunkt hatte, war eine anti-feudale und anti-klerikale Rebellion in weiten Teilen West-, Mittel- und Südeuropas, vor allem in den städtischen Zentren, in denen sich die industriell-fabrikmäßige Produktion entwickelt hatte. Hier gerieten das Bürgertum und die Lohnarbeiter, die Träger dieser Bewegungen waren, bereits in Gegensatz und es trennte sich die Protestbewegung bereits in einen plebejischen und einen bürgerlichen Teil.6

Der Bischof von Bremen rief 1234 zu einem Kreuzzug („als ob sie Ketzer wären“) gegen seine bäuerlichen Pächter auf, die sich weigerten, den „Zehnten“ zu zahlen.

In Köln rebellierten 1369 die Weber gegen den Rat der Stadt Köln, der sich aus aristokratischen Patriziern und großbürgerlichen Kaufleuten zusammensetzte. Anlass des Aufstands der Handwerker und der plebejischen Bevölkerung Kölns war die weit verbreitete Korruption im Rat der Stadt und die Machtlosigkeit der einfachen arbeitenden Bevölkerung. Ein korruptes aristokratisches Ratsmitglied wurde am 20. Mai 1369 hingerichtet, acht weitere wurden in Haft genommen. Acht der fünfzehn Ratsmitglieder stellten von nun an Handwerker und andere einfache Berufsgruppen. Der neue Rat setzte die Steuern für die Grundbesitzer und die Großkaufleute herauf.

Weberaufstand in Köln 1371. (Holzschnitt aus der Koehlhoffschen Chronik, August 1499). Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Weberaufstand#/media/Datei:K%C3%B6ln-Weberschlacht-1371.jpg

Gegen den neuen Rat organisierten die Aristokraten und Großkaufleute die militärische Konterrevolution unter dem Herzog von Jülich und dem Herzog von Geldern, die am 20. November 1371 in Köln die von den Webern angeführten Aufständischen besiegten. Viele wurden hingerichtet und eingekerkert und die Weber wurden aus der Stadt Köln verbannt.

In Folge der Not, die der Krieg zwischen Frankreich und England verursachte, kam es im März 1358 zu einem Aufstand der Arbeiter der Gewerke in Paris gegen die aristokratischen Herrscher.

Aufstand der Maillotins 1382 in Paris (zeitgenössische Darstellung), Künstler unbekannt, 15. Jh., gemeinfrei. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Maillotins#/media/Datei:Les_maillotins.jpg

Ihm folgten Aufstände der Bauern im Mai 1358 in der Compiègne und dann im ganzen Nordosten Frankreichs (Jacquerie-Aufstand).7

Die Aufständischen zerstören Hunderte von Schlössern des Adels und töten die Adligen, derer sie habhaft wurden.

Aufständische Bauern erschlagen einen Ritter, Ein Blatt aus den Chroniken von Jean Froissarts (15. Jh.), gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Maillotins#/media/Datei:Chroniques_d’Angleterre_-_BNF_Fr87_f299v_(assassinat_d’un_chevalier).png

Die hohe Aristokratie Frankreichs, die durch die Niederlage gegen England gespalten war, vereinigte ihre konterrevolutionären Truppen und schlug die Aufstände im Juni 1358 nieder. Mindestens 20.000 Bauern wurden nach deren Niederlage von den konterrevolutionären Truppen umgebracht. Allein der König von Navarra ließ bei Clermont 3.000 Bauern aufhängen.

Niederschlagung des Jacquerie-Aufstandes von 1358; Buchmalerei aus den Chroniken von Jean Froissarts (15. Jh.), gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jacquerie#/media/Datei:Jacquerie_meaux.jpg

Im Kampf bei Courtrai 1302 besiegten Bürgermilizen flandrischer Städte ein französisches Ritterheer, das Flandern wegen der Tuchindustrie für den französischen König erobern wollte.

Die Hauptstreitmacht Flanderns in diesem Kampf bildeten 7000 Weber und Fleischhauer, die 700 Ritter töteten und damit den Sieg herbeiführten. Dieser Sieg stärkte das Selbstbewusstsein und den politischen Einfluss der armen Klassen und Schichten in den flandrischen Städten und führte in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu Aufständen der Tucharbeiter, Weber, usw. in Flandern.

Künstler unbekannt, Kampf bei Courtrai 1302 (14. Jh.), gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sporenschlacht#/media/Datei:Battle_of_Courtrai2.jpg

Während des gesamten 14. Jahrhunderts kam es in Flandern häufig zu Rebellionen der Tucharbeiter. 1324 schlossen sich die Handwerker von Ypern und Brügge den aufständischen Bauern an. Brügge war zeitweise unter der Kontrolle der Weber und Walker. Ein Weberaufstand 1335 in Gent versuchte eine Art Arbeiterdemokratie in der Stadt einzuführen: Alle außer denjenigen, die von ihrer Hände Arbeit lebten, sollten unterdrückt werden.

Ein erneuter Aufstand 1378 in Gent hatte das Ziel „die Gesellen gegen die Meister, die Lohnarbeiter gegen die großen Unternehmer und die Bauern gegen die Herren und den Klerus aufzubringen“. 1382 wurden die Aufständischen in einer Schlacht besiegt, in der 26.000 Aufständische starben.

Die Tucharbeiter in Ypern (Flandern) riefen 1377 zu einem bewaffneten Aufstand gegen ihre Ausbeuter auf. Nach ihrer Niederlage wurden sie als „Rebellen“ gehängt und von der christlichen Inquisition als „Häretiker“ verbrannt. Weberinnen, die ihre Produkte den Aufkäufern nicht rechtzeitig oder fehlerhaft ablieferten, drohte die Exkommunikation.

In Florenz rebellierten 1379 die „Ciompi“ (= die Tagelöhner der florentinischen Textilindustrie) und errichteten eine Arbeiterregierung in der Stadt, die sich mehrere Monate erfolgreich verteidigte und erst 1382 gänzlich besiegt wurde. Die Konterrevolution ließ viele Ciompi hängen und köpfen, viele flohen aus Florenz.

Der Aufstand der Ciompi (1379) von Giuseppe Lorenzo Gatteri, vor 1884, gemeinfrei, Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Ciompi_Revolt#/media/File:G._L._Gatteri,_Il_tumulto_dei_ciompi,_Trieste,_CMSA.jpg

John Ball, der Prediger des von Wat Tylers 1381 in den englischen Grafschaften Kent und Essex angeführten antifeudalen Bauernaufstands, prangerte den Widerspruch an, „dass wir im Ebenbild Gottes geschaffen sind, aber wie Tiere behandelt werden“ und: „Nichts wird in England gut von statten gehen (…), solange es Herren und Knechte gibt.“

Die Bewegung der Lollarden in Holland und England hatte ausgeprägte anti-klerikale und anti-katholische Ausprägung. Ihre Vorstellungen waren von der urchristlichen Gleichheit aller Menschen geprägt. In England vermischten sich die religiösen Vorstellungen mit der Lehre des englischen Reformators Wycliffe. Viele ihrer Anhänger beteiligten sich an dem Bauernaufstand Wat Tylers.

In vieler Hinsicht sind die antifeudalen und antiklerikalen Kämpfe der Waldenser und Katharer auch als Vorläufer der Bewegung der Hussiten in Böhmen, der Bauernkriege in Deutschland und der bürgerlichen Revolution in England anzusehen. Konkret hatten die Waldenser bedeutenden Einfluss auf die reformatorischen Bewegungen in der Schweiz, in Italien, in Österreich und in Böhmen. Viele Waldenser schlossen sich 1532 der reformatorischen Bewegung Zwinglis und Calvins an.

Die deutschen Waldenser, die nicht von der Inquisition ermordet worden waren, schlossen sich Anfang des 15. Jahrhundert den Hussiten/Taboriten in Böhmen an. Die frühen Taboriten in Böhmen lebten in Gütergemeinschaft. Die Taboriten hatten ihre Basis in den armen und unteren Schichten der Land- und Stadtbevölkerung. Sie duldeten keine Reichen, keine Adligen oder Personen aus bürgerlichem Stand in ihren Reihen. Die Frauen waren gleichberechtigt und sehr aktiv in der Bewegung und beteiligten sich auch an den bewaffneten Kämpfen gegen die konterrevolutionären Kreuzritter.

Zeitgenössische Darstellung einer hussitischen Wagenburg aus dem 15. Jahrhundert, gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hussitenkriege#/media/Datei:Wagenburg.jpg

Die Taboriten waren der revolutionäre, demokratisch-republikanische Flügel der Hussiten. Die Bewegung der Taboriten richtete sich nicht nur gegen den deutschen Adel in Böhmen, sondern vereinte sich mit dem Kampf der Hörigen und Leibeigenen gegen die gesamte feudale Ordnung. In sechs Kreuzzügen eroberten die Kreuzritter Böhmen und wurden immer wieder von den Taboriten geschlagen. Erst als die katholische Kirche den gemäßigten Flügel der Hussiten (die Kalixtiner) kaufte und diese 1434 bei der Schlacht bei Lipan 13.000 Taboriten töteten, konnte die Bewegung niedergeworfen werden.

1438 wurde von einem Augsburger Laien ein „Programm“ der Revolution mit dem Titel „Kaiser Sigmunds Reformation“ verfasst. Diese Schrift, die auch im 16. Jahrhundert noch mehrfach aufgelegt wurde, propagierte einen allgemeinen Massenaufstand. Zum ersten Mal wurde mit dem Argument von der „christlichen Freiheit“ die Abschaffung der Leibeigenschaft, des Zehnten, der Zinsen, der Strafen, des Banns und Zolls gefordert und Wasser, Wald und Weide sollten allen offen stehen. Für die Armen der Städte wurden die Abschaffung der Zünfte und großen Handelshäuser und die Regelung der Lebensmittelpreise und der Löhne durch Vertreter der Handwerker gefordert. Im 15. Jahrhundert war insbesondere der Süden und Südwesten des deutschen Reichs ein einziger Revolutionsherd, deren bekannteste Bewegung der Bundschuh war, auf den sich dann auch Bewegungen der Bauernkriege im 16. Jahrhundert wieder bezogen.

***

Heute sind all diese über 300 Jahre andauernden Klassenkämpfe, die im Hochmittelalter eine gesamteuropäische Ausbreitung hatten, weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst der Deutsche Bauernkrieg im 16. Jahrhundert findet in Verbindung mit der Reformation Luthers heute noch Beachtung. Es zeigt sich, dass all jene, die das Hochmittelalter als die Zeit der Minne verherrlichen, aber auch all jene, die es als dunkles Zeitalter, ohne bedeutende Klassenkämpfe ansehen, Unrecht haben.8

18. Juni 2020 Dr. Peter Milde

Endnoten:

1 „Die Aufstände in den Reichsstädten zeigten schon im 13. Jahrhundert unverkennbare Spuren sozialistischen Charakters: hatte doch auch hier die Kirche mit ihrer doktrinären Missachtung des Handelsstandes als des „Wuchers“ der Revolution in die Hände gearbeitet, und (…) konnte (…) gleichsam einen Rechtstitel finden, um dem Kapitalismus des Handelsstandes als einem unsittlichen und widerchristlichen den Krieg zu erklären. (…) Das gleiche gilt vom 14. und 15. Jahrhundert: die Wissenschaft hatte die Lehre von der Souveränität des Volkes ausgebildet, aus dem Schoße der Kirche immer drohender sich das Evangelium von der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen erhoben: den Armen gehört das Himmelreich, sie sind die erwählten Kinder des Herrn. Nun hatten diese Gedanken die Massen berauscht, und sie hatten nicht übel Lust, das erhoffte Zeitalter in ihrer Weise in Szene zu setzen.“ (Arnold E. Berger, S. 318-319).

2 Der Name „Waldenser“ oder „Katharer“ wurde diesen Bewegungen von ihren Gegnern gegeben. Sie selbst bezeichneten sich z.B. als „tesseyres“ (Weber) oder „gute Christen“.

3 In den Alpentälern waren die Waldenser eher eine gesellschaftlich rückwärts gewandte Bewegung, die die patriarchalischen ökonomischen und sozialen Verhältnisse verteidigte.

4 Seit dem 16. Jahrhundert wurde die okzitanische Sprache und Kultur der Bevölkerung im Süden Frankreichs durch die zentrale Staatsmacht programmatisch verfolgt und unterdrückt. Erst 1999 wurde Okzitanisch als Minderheitensprache in Frankreich anerkannt. Heute wird die okzitanische Sprache in Frankreich noch von mindestens 100.000 Personen gesprochen und auch in Schulen wieder unterrichtet. Auch im Piemont und in Katalonien gibt es noch Enklaven, in denen Okzitanisch gesprochen wird.

5 Lyon war damals nach Rom einer der wichtigsten Bischofssitze der römisch-katholischen Kirche, der die ideologischen Grundlagen des Staatschristentums im Mittelalter entscheidend mit geprägt hatte und sich im Kampf gegen das Judentum und verschiedene als Häresien bekämpfte Protestbewegungen besonders hervortat.

6 „Diese bäurisch-plebejische Ketzerei, in der Blütezeit des Feudalismus, z.B. bei den Albigensern, kaum noch zu trennen von der bürgerlichen, entwickelte sich zu einer scharf geschiedenen Parteiansicht im 14. und 15. Jahrhundert, wo sie gewöhnlich ganz selbständig neben der bürgerlichen Ketzerei auftritt.“ (Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, 1850, MEW 7, S. 345).

7 Die Bezeichnung „Jacquerie-Aufstand“ ist eine abschätzige Bezeichnung für die Bauernaufstände von 1358. Jacquerie leitet sich ab von dem Spottnamen Jacques Bonhomme (auf deutsch etwa dummer Jakob, Tölpel, Trottel), den die Adligen den Bauern gaben.

8 „Die revolutionäre Opposition gegen die Feudalität geht durch das ganze Mittelalter. Sie tritt auf, je nach den Zeitverhältnissen, als Mystik, als offene Ketzerei, als bewaffneter Aufstand.“ (Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, 1850, nach: MEW Bd. 7, S. 344).

Literatur:

Arnold E. Berger: Die Kulturaufgaben der Reformation, 2. Auflage 1908, Berlin: Ernst Hofmann & Co.

Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, Neue Rheinische Zeitung, Politisch-ökonomische Revue, 1850, nach: MEW Bd. 7, Dietz Verlag Berlin 1960.

Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, 2018, Wien/Berlin: mandelbaum-verlag.

Peter Fuchs: Chronik zur Geschichte der Stadt Köln. Band 1, Köln 1990

Oliver Das Gupta, Simon de Monforts blutrünstiger Kreuzzug gegen Albigenser-Christen, in: SZ.de, 23. Juli 2018, https://www.sueddeutsche.de/politik/monfort-albigenser-1.4032477.

Malcolm Lambert: Häresie im Mittelalter. Von den Katharern bis zu den Hussiten, 2001, Darmstadt: Primus Verlag.

Malcolm Lambert: Geschichte der Katharer, 2001, Darmstadt: Primus Verlag.

Henry Charles Lea: Geschichte der Inquisition im Mittelalter, 3 Bände, 1997, Frankfurt am Main: Vito von Eichborn Verlag.

Hans Holger Lorenz: Der Aufstand des „Jacques Bonhomme“ 1358, http://www.bauernkriege.de/Jacquerie.html

Michael Müller: Südfrankreich, Reise Tips: Provence, Languedoc, Roussillon, Tarn, Camarque, 1990, Gräfelfing/München: Verlag Martin Velbinger.

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