JANUAR 2021 – FIPS-NEWS NR. 29: VORTRÄGE ZUR GESCHICHTE GRIECHENLANDS TEIL IV: ZUM WIDERSTAND GEGEN DIE JUNTA UND DIE SOLIDARITÄTSBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND (1967-1974)

EDITORIAL

In FIPS-NEWS Nr. 29 wird der 9. Vortrag zur Geschichte Griechenlands veröffentlicht.* Der Vortrag behandelt den Widerstand in Griechenland und im Exil gegen die Militärjunta und die Solidaritätsbewegung in Deutschland.

Als sich die Junta am 21. April 1967 an die Macht putschte, verhinderte sie damit den Wahlsieg eines Bündnisses linker Kräfte in Griechenland. Die Militärjunta herrschte in Griechenland 7 Jahre lang bis 1974. Diese 7 Jahre sind nicht nur 7 Jahre brutaler Repression, sondern es sind auch 7 Jahre vielfältigen und gerechten Widerstands.

Die Junta konnte sich während dieser 7 Jahre auf keine faschistische Massenbewegung stützten, allerdings waren große Teile der griechischen Gesellschaft extrem konservativ, antikommunistisch, militaristisch und nationalistisch eingestellt und stützten die Junta.

Dieser Vortrag wurde auf der „3. digitalen Konferenz im deutsch-griechischen Fachkräfteaustausch“ am 22. Dezember 2020 gehalten. Insgesamt wurde auf 4 digitalen Konferenzen das Thema „Die griechische Junta und ihre Gegner – Erinnerungskultur in Griechenland und Deutschland“ behandelt. Veranstaltet wurden diese Konferenzen von der „Wilden Rose e.V. – Interkulturelles Jugendnetzwerk“ in Kooperation mit „Agrio Rodo Youth Association“ (Griechenland) im Dezember 2020. Die Inhalte dieses Vortrags wurden in Arbeitsgruppen im Deutsch-Griechischen Fachkräfteaustauschs in Dassia-Kerkyra erarbeitet, der unter dem Titel „Die griechische Junta von 1967 – 1974 und ihre Gegner“ vom 5. – 13. Oktober 2019 auf Korfu/Griechenland stattfand.

Den Jugendlichen in Deutschland und Griechenland sind die politischen Ereignisse der 60er und 70er Jahre nicht immer präsent. Die Beschäftigung mit diesem Thema kann angesichts des Erstarkens rechter und rechtsextremer Strömungen und Einstellungen in beiden Ländern durchaus wieder Aktualität erlangen.

* Die Vorträge 1 – 8 können in FIPS-NEWS NR. 25 – 27 gelesen werden.

22. Januar 2021 Dr. Peter Milde

Zum Widerstand gegen die Junta und die Solidaritätsbewegung in Deutschland

Dieses historische griechische Volk existiert überhaupt durch den Widerstand.“

Nikos Svorónos, griechischer Historiker

1. Zum Widerstand gegen die Junta in Griechenland

Zur Entwicklung des Widerstands in Griechenland nach dem Putsch

Pericles Korovesis (Autor und Journalist) lief am 21.4.1967 mit Freunden in das Zentrum von Athen, da er dachte es werde dort zu Demonstrationen kommen. Dem war aber nicht so. Er schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Am 8.10.1967 wurde er verhaftet und den Folterern übergeben. Er wurde mit Schlägen, Elektroschocks, Peitschenhieben auf die Füße und Scheinhinrichtungen gefoltert. Nach dem Sturz der Junta sagte er vor dem Europarat als Zeuge über seine Folterungen aus. Sein Bericht wurde als Buch mit dem Titel „Wach auf, Pericles!“ veröffentlicht und in mehrere Sprachen übersetzt.

(Das Protestplakat gegen die Folter in Griechenland wurde 1970 von Jugendlichen des BDP in Hessen mit dem Siebdruck-Verfahren hergestellt. Das Foto wurde auf der Ausstellung in der Universität von Kerkyra/Korfu im Oktober 2019 gemacht).

Am 13. August 1968 beging der Ingenieur Alexandros Panagoulis ein Attentat auf den Chef der Junta Papadopoulos, das dieser überlebte. Panagoulis wurde zweimal zum Tode verurteilt. Auf Druck ausländischer Regierungen wurde die Todesstrafe zu lebenslänglicher Haft umgewandelt. Im halbdokumentarischen Roman „Ein Mann“ (1979), den seine Lebensgefährtin, die italienische Journalistin Oriana Fallaci, schrieb, ist seine Geschichte niedergeschrieben.

Im Untergrund organisierte sich der Widerstand in Griechenland parallel der griechischen Parteien:

  • Die Panhellenische Befreiungsbewegung (PAK) entsprach politisch dem linken Flügel der Zentrumsunion (Enosis Kendrou = EK).
  • Die Patriotische Antidiktatorische Front (PAM) gründete sich Ende April 1967. Sie entstand aus dem Zusammenschluss der Vereinigten Demokratischen Linken (EDA) und der Lambrakis-Jugend.
  • Die Revolutionäre kommunistische Bewegung Griechenlands (EKKI) wurde gar in Berlin gegründet, bevor sie in Griechenland aktiv wurde.

Erstmals konnte kritische Literatur unter der Junta im Oktober 1969 erscheinen, da die Vorzensur gelockert wurde. Diese Sammlung von Erzählungen, Essays und Lyrik von 18 Autor*innen wurde von Danae Coulmas ins Deutsche übersetzt und erschien in Deutschland unter dem Titel „Die Exekution des Mythos fand am frühen Morgen statt“. Im Gedicht „Stechginster“ von Giorgos Seferis ist vom Tyrannenmord die Rede. Den Leser*innen in Griechenland und im Exil war klar, dass damit der Chef der Junta gemeint war.

Am 18./19.10.1971 gelang es der Junta zahlreiche Antifaschist*innen aus dem antifaschistischen Widerstand in Griechenland zu verhaftet, die meisten von ihnen waren Anhänger oder Mitglieder der Kommunistischen Partei Griechenlands (KPG – Inland) und der Patriotischen Antidiktatorischen Front (PAM).

Am 21. April 1972 demonstrierten vor einer Athener Kirche, in der ein Gedenkgottesdienst der Junta zum 5. Jahrestags ihres Putsches stattfand, einige Hundert Antifaschist*innen mit den Sprechchören „Es lebe die Freiheit“ und „Es lebe die Demokratie“. Die antifaschistische Demonstration wurde mit Polizeigewalt aufgelöst. Es war die erste öffentliche Demonstration in Griechenland seit 5 Jahren. Eine Woche später demonstrierten in Athen und Thessaloniki 2.500 Student*innen gegen die Junta.

Am 3. Mai 1972 verbarrikadierten sich die Jura-Student*innen in der Athener-Universität und schrieben Losungen gegen die Junta und die USA auf die Wände. Ein großes Spruchband mit der Aufschrift „Freiheit“ prangte von der Fassade der juristischen Fakultät.

Im August 1972 begann der Prozess gegen Babis Drakopoulos, Sekretär des Politbüros des ZK der KP Griechenlands (Inland). Er war wegen der Mitwirkung bei der Gründung der PAM angeklagt.

Ende 1973 kehrten die griechischen Studenten, Christos Bistis und Petros Stangos, die in den 60er Jahre an Aktionen des SDS in Westberlin teilgenommen hatten, nach Griechenland zurück und schlossen sich dem Widerstand der EKKE an. Im März 1974 wurden sie verhaftet und schwer gefoltert.

Zum Widerstand in der Presse in Griechenland

Mit der Machtergreifung der Putschisten wurde über die Zeitungen, die Presse und die Verlage eine strenge Zensur verhängt. Linke Presse wurde ganz verboten. Viele nicht Junta konforme Presseorgane versuchten einfach zu überleben, indem sie weitgehend unpolitisch wurden.

Trotz der Zensur versuchten linksliberale Zeitungen etwas von der Wirklichkeit in Griechenland zu drucken. Da eine direkte Kritik nicht möglich war, druckten die Zeitungen etwa Auszüge aus Protokollen von Gerichtsverhandlungen, die Misshandlungen von Gefangenen enthielten oder sie druckten Auszüge aus Protokollen von Debatten in ausländischen Parlamenten. Die Titelseiten waren groß aufgemacht, etwa FREIHEIT UND DEMOKRATIE – es ging jedoch um Prag, oder HARTER POLITISCHER KAMPF GEGEN DIE REGIERUNG – es ging jedoch um Pakistan.

Ein weiteres Mittel, mit der die Zensur umgangen wurde, waren politische Karikaturen. Einer der wichtigsten Karikaturisten war Kostas Mitropoulos. Ein Beispiel: Der amerikanische Botschafter verlässt Griechenland. Ein Bürger ruft ihm zu: „Fliegen Sie nach New York, Herr Botschafter? Grüßen Sie die Freiheitsstatue!“

Ab 1969 hatte die Junta die präventive Zensur auf Druck des Auslands gelockert. Durch eine neues Pressegesetz wurden den Zeitungen und Verlagshäusern allerdings eine Selbstzensur auferlegt. Doch es konnten nun auch wieder Zeitungen erscheinen, die Junta kritisch eingestellt waren. Allerdings wurden Ausgaben ständig nachträglich beschlagnahmt und Verleger wurden eingesperrt. Nach dem Aufstand im Polytechnikum wurden diese Publikationen erneut verboten.

Zur Widerstandspresse in Griechenland

Daneben gab es die Widerstandspresse, die in der Illegalität hergestellt wurde. Dies waren Zeitungen, Broschüren, Plakate, Pamphlete und Infoblätter. Wie vielfältig diese illegale Informationspresse war, wird daran deutlich, dass über 300 Titel im Archiv für zeitgenössische Sozialgeschichte (ASKI) in Athen registriert sind.

Zum Aufstand in Athen im November 1973

Bedingt auch durch den wirtschaftlichen Niedergang und die zunehmende Armut von großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung verstärkte sich der Widerstand gegen die Junta im Jahre 1973.

Das Polytechnikum auf dem Uni-Campus in Athen wurde im Sommer und Herbst 1973 zum Zentrum des Widerstandes. Vor allem im November zogen immer wieder Arbeiter*innen auf den Uni-Campus und schlossen sich mit den Student*innen zusammen, diskutierten und gaben ihrer politischen Stimmung mit Spruchbändern und Parolen Ausdruck:

  • „Brot, Schulen, Freiheit und nationale Unabhängigkeit“;
  • „NATO – raus“;
  • „Nieder mit der Junta“;
  • „Nieder mit dem Faschismus“;
  • „Volk du hungerst – hängt sie“;
  • „Freiheit für alle politischen Gefangenen“;
  • „Nieder mit Papadopoulos und dem Clown Markezinis“1

Am 14. November 1973 begannen die Student*innen des Polytechnikums einen Streik. Die Junta befahl die Schließung des Polytechnikums. Da die Student*innen der Aufforderung, das Polytechnikum zu verlassen, nicht folgten, umstellte die Polizei den Gebäudekomplex.

Die Student*innen betrieben innerhalb des Polytechnikums einen Radiosender, der politische Meldungen und Parolen ausstrahlte, die in ganz Athen zu empfangen waren. Die Sendungen aus der Athener Universität wurden auch von der Deutschen Welle ausgestrahlt und waren somit in ganz Griechenland zu empfangen.

Am Abend des 14. November kamen viele Leute aus der Stadt zur Universität, schlossen sich den Student*innen an oder brachten ihnen Essen, Getränke, Tabak und Geldspenden.

Am 15. November schlossen sich dem Streik der Student*innen die Schüler*innen von 90% aller Mittelschulen Athens an. Auch die Bauarbeiter Athens streikten und viele versammelten sich auf dem Campus. In der Umgebung von Athen demonstrierten Bauern gegen den Großindustriellen Andreadis, einem Freund und Förderer der Junta, da viele Bauern zu seinem Gunsten ihres Landes enteignet worden waren.

Vom Campus aus gingen mehrere Demonstrationen in die City von Athen. Gegen die Demonstrant*innen ging die Polizei brutal vor. Am Nachmittag lieferten sich ca. 100.000 Demonstrant*innen Straßenschlachten mit der Polizei in Athen. Am Abend setzte die Polizei gepanzerte Fahrzeuge gegen die Demonstrant*innen ein. Daraufhin wurden im Zentrum von Athen Barrikaden errichtet. Die Polizei schoss nun scharf, überrollte mit Panzern die Barrikaden und setzte Maschinengewehre ein. In dieser Nacht gab es mindestens 200 Tote. Mehr als 2.000 Personen wurden verhaftet und von der Sicherheitspolizei (Asphalia) und der Militärpolizei (ESA) gefoltert. Die Demonstrant*innen zogen sich auf das Universitäts-Gelände zurück.

In der Nacht zum 17. November begann das Militär unter Einsatz von Panzern das Polytechnikum anzugreifen. Die Junta verhängte das Kriegsrecht über ganz Griechenland und nach 16:00 Uhr galt ein striktes Ausgehverbot. Bis zum Sonntag wurden in Athen weitere 5.000 Personen und am Montag nochmals 1.000 Personen verhaftet. Die Festgenommenen wurden im Karaiskaki-Stadion interniert, da die Gefängnisse überfüllt waren.

Die Armee „erobert“ das Polytechnikum in Athen

Am Dienstag war der Aufstand in Athen niedergeschlagen. Die Universität wurde auf unbestimmte Zeit geschlossen und viele Student*innen hielten sich verborgen, um der Verhaftung und Folter zu entgehen.

Nach dem Sturz der Junta wurde der 17. November ein Gedenktag an den Widerstand gegen die Junta.

2. Zum Widerstand gegen die Junta im Exil

Zu den griechischsprachigen Sendungen im deutschen Rundfunk

Für den Widerstand im Exil aber auch in Griechenland selbst waren die Sendungen der Deutschen Welle (DW) aus Köln und die deutsch-griechischen Sendungen des Bayrischen Rundfunks in München (BR) von herausragender Bedeutung.

Anders als die nüchternen Sendungen des BBC waren die Sendungen der DW und des BR aufrüttelnd und engagiert, denn sie wurden von antifaschistischen Griech*innen gemacht.

Griech*innen aus dem Team der DW

Täglich sendete die Deutsche Welle von 21:40 – 22:40 Uhr Nachrichten, politische Kommentare, Presseschauen, Reportagen zu Ereignissen und Interviews mit Vertreter*innen der antidiktatorischen Opposition. Etwa drei Millionen Griech*innen hörten diese Sendungen.

Die Mitarbeiter des griechischen Programms waren Anhänger aus den verschiedenen politischen Lagern.

Vassos Mathiopoulos gelang es kurz nach dem Putsch mit Hilfe der deutschen Botschaft nach Deutschland auszureisen. Er war einer jener Journalist*innen, wie u.a. Angelos Maropoulos, Giorgos Kladakis, Danae Koulmasi, Kostas Nikolaou, die die Sendungen der Deutschen Welle gestalteten.

Pavlos Bakoyannis war als Journalist für das griechische Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks zuständig.

Neben den griechischsprachigen Berichten der DW und des BR sorgte auch die Ausstrahlung der Musik von Mikis Theodorakis, die in Griechenland verboten war, bei den Griech*innen in der Heimat für Mut und Durchhaltewille. In Griechenland stand der Kauf einer Schallplatte von Mikis Theodorakis mit 4 Jahren Gefängnis unter Strafe.

Gegen die griechischsprachigen Sendungen der DW wurde in der griechischen Presse gehetzt.

Zu im Ausland tätigen Exil-Organisationen der griechischen Antifaschisten

In Deutschland war der Widerstand der Exil-Griech*innen deshalb so präsent, weil von 1960 – 1974 ca. 700.000 – 800.000 Griech*innen zur Arbeit oder zum Studium nach Deutschland gingen und viele von ihnen standen politisch eher linken Strömungen nahe. Es war daher nicht verwunderlich, dass sich viele von ihnen im Exil-Widerstand engagierten und so die Widerstandsgruppen in Griechenland mit mächtigen Organisationen auch in Deutschland tätig waren.

Die wichtigsten Widerstandsorganisationen im deutschen Exil waren:

  • Clubs der Freunde Griechenlands – in ihnen waren Gewerkschaftsmitglieder, sozialdemokratische und andere linke Griech*innen und Deutsche organisiert.
  • PAK = Panhellenische Befreiungsbewegung – sie entsprach dem linken Flügel der Zentrumsunion (EK) und wurde nach dessen Freilassung und Exil in Frankreich ab 1968 von Andreas Papandreou2 geleitet. Sie hatte gute Kontakte zur Sozialistischen Partei in Frankreich und zur Sozialdemokratischen Partei in Deutschland und zu den Gewerkschaften.
  • PAM = Patriotische Antidiktarorische Front – in ihr waren verschiedene Linke, u.a. der EDA und der Lambrakis-Jugend vertreten.
  • Revolutionäre kommunistische Bewegung Griechenlands – sie war eine linke kommunistische Gruppe, deren Anhänger auch im Exil tätig waren.
Flyer der PAK
Plakat der PAM

Alle Exil-Organisationen sammelten Geld und Material, das sie nach Griechenland brachten.

In Frankreich waren es vor allem griechische Intellektuelle und Künstler*innen die sich im Exil engagierten. Die Leitungen der meisten Exil-Organisationen hatten ihren Sitz in Rom, Paris und London.

Zum Widerstand von Künstler*innen im Exil:

Der Schauspieler Kostas Papanastasiou trat auf zahlreichen Bühnen in Deutschland als Chansonnier auf. Auf die Melodie der „Moorsoldaten“ textete er ein Lied über die KZ-Insel Jaros.

Die griechische Sängerin Melina Mercouri lebte im Exil in Frankreich. Auf zahlreichen Bühnen weltweit sang sie Lieder gegen die Junta und kam auf ihren internationalen Protestreisen auch nach Deutschland.

Costas Gavros verfilmt 1969 den Roman Z des griechischen Autors Vasilis Vasilikos, in dem der politische Mord an dem EDA Politiker Georgios Lambrakis durch den Parakratos Thema ist. 1970 erhielt der Film zwei Oskars und wurde in allen Militärdiktaturen auf der Welt verboten.

Am 1.2.1972 dirigierte Mikis Theodorakis seine Lieder in Hamburg. Sein Auftritt vor einem großen vor allem griechischen aber auch deutschen Publikum wurde zu einer gewaltigen anti-diktatorischen Kundgebung.

3. Zur Solidaritätsbewegung in Deutschland mit den griechischen Antifaschist*innen

Zu Solidaritätsaktionen von Sozialdemokraten und Gewerkschaften

Vor allem die Jusos und ein Teil der SPD sowie ihr populärster Politiker Willy Brandt (er floh 1933 als Mitglied der SAPD mittels eines Fischers, der Fluchthelfer war, über Dänemark und Norwegen nach Schweden ins Exil) solidarisierten sich mit den von der griechischen Junta Verfolgten und unterstützten die Mitglieder und Anhänger der Zentrumsunion, die im Exil in Deutschland Widerstand leisteten.

Es waren vor allem Gewerkschaftsmitglieder u.a. der IG Metall, die auf Kundgebungen und Veranstaltungen sowie in der Gewerkschaftspresse ihre Solidarität ausdrückten und die griechischen Kolleg*innen in ihrem Widerstand unterstützten.

Auf der Gewerkschaftskundgebung zum 1. Mai 1967 in Stuttgart wurde auch gegen die griechische Militärjunta demonstriert.

Volkmar Gabert (der von 1933 – 1939 im Exil-Vorstand der SPD in Prag tätig war und danach nach London ins Exil ging) war Landesvorsitzender der SPD in Bayern und Mitglied im Rundfunkrat des Bayrischen Rundfunks. In dieser Funktion unterstützte er den Leiter der griechischen Sendung in München, Pavlos Bakoyannis.

Durch Aktionen des Auswärtigen Amts konnten Vassos Mathiopoulos und Alexandros Mangakis in die BRD fliehen. Der in Deutschland lebende griechische Journalist Vassos Mathiopoulos befand sich während des Putsches in Griechenland zu Filmaufnahmen für eine Reportage über Griech*innen, die nach Deutschland in die Arbeitsemigration gehen wollten. Auch er befand sich auf den Schwarzen Listen der Junta. Er konnte in die Deutsche Botschaft in Athen fliehen. Auf persönliche Intervention des Außenministers Willy Brandt wurde er 3 Wochen später nach Deutschland ausgeflogen.

Trotz der Unterstützung sozialdemokratischer und gewerkschaftlich organisierter Exil-Widerstandsgruppen unterhielt die Regierung Brandt politische, diplomatische, ökonomische und militärische Beziehungen zur Junta. Auch innerhalb der Nato hatte Willy Brandt zuerst als Außenminister im Kabinett Kiesinger und dann als Bundeskanzler in der Nato keine offensive Haltung gegen die griechische Junta eingenommen.

Nachdem deutsche Industrielle bei der Regierung Brand vorsprachen, diese solle die griechischsprachigen Radiosendungen einstellen, da diese die Geschäftsbeziehungen der deutschen Wirtschaft mit Junta-Griechenland stören würden, erhielten die griechischen Journalist*innen der Deutschen Welle einen „Vorgesetzten“. Sie konnten jedoch auf Grund ihrer unerschrockenen Haltung weitgehend die Inhalte ihrer Sendung weiterhin selbst bestimmen.

Zu Solidaritätsaktionen von Jugendlichen und linken Gruppen

Solidaritätsveranstaltungen der ASTA‘s gab es in vielen deutschen Städte. Besonders engagierte sich dabei der SDS und später verschiedene – meist aus ihm hervorgegangene – linke Gruppen, die Solidaritätsaktionen, Demonstrationen und Veranstaltungen meist von Student*innen, Schüler*innen und jungen Arbeiter*innen durchführten. In den diversen linken Zeitungen und Zeitschriften wurden Berichte aus Griechenland und über Solidaritätsveranstaltungen veröffentlicht. Sie arbeiteten mit den linken griechischen Exilgruppen eng zusammen und unterstützten diese.

Demonstration 1967 in Berlin
Deutsch-Französischer Jugendkongress zur Solidarität mit dem Widerstand in Griechenland an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf am 28.4.1974

Auszüge aus Eike Seidel, Der ‚Ring Bündischer Jugend‘ in Hamburg:

Solidarität von Korrespondent*innen ausländischer Presse in Griechenland

Eine ganze Reihe von in Griechenland arbeitenden Korrespondent*innen versorgte die ausländische Presse mit Informationen über die Repression der Junta und über den Widerstand.

Baldur Bockhoff, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Zeitung wurde nach seinem ersten Artikel „In Hellas regiert der Kommiß“, der in der „Zeit“ gedruckt wurde, von der Junta aus Griechenland ausgewiesen.

Kostas Tsatsaronis war der Korrespontent von „Der Spiegel“ in Athen. Ihn versuchte die Junta mit 200.000 DM zu kaufen. Seine Berichte waren besonders informativ und mutig.

Der Flug des Stern-Reporters Fred Ihrt über die Gefangeneninsel Jaros im Juli 1967 entlarvte die Lüge der Putschisten, es gäbe in Griechenland keine politischen Gefangenen. Ihrt überflog mit einem gecharterten zweisitzigen Flugzeug im Tieflug die Ägäis, um das Radar zu umgehen, und fotografierte das Gefangenenlager auf der Insel Jaros, auf der sich ca. 7.000 Gefangene befanden. Der Fotobericht erschien am 6.8.1967 im „Stern“ und in „Paris Match“.

Zur Solidaritätsaktion von Günther Wallraff in Athen im Mai 1974

Am 10. Mai 1974 kettete sich Günther Wallraff an einen Laternenpfahl auf dem Athener Syntagmaplatz an und verteilte Flugblätter, in denen er gegen die Missachtung der Menschenrechte durch die Junta protestierte. Er wurde von Geheimpolizisten noch vor Ort zusammengeschlagen, verhaftet und im Hauptquartier der Sicherheitspolizei in Athen gefoltert. Er wurde zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt und kam nach dem Fall der Junta im Juli 1974 frei.

Der Plakatkünstler Klaus Staeck hat Wallraffs Solidaritätsaktion mit dem Plakat „Die Kunst der 1970er Jahre findet nicht im Saale statt“ festgehalten.

Vortrag gehalten online am 22.12.2020 Dr. Peter Milde

Endnoten:

1Spyros Markezinis wurde von Papadopoulos im August 1973 zum Ministerpräsident ernannt.

2Andreas Papandreou gründete nach dem Ende der Junta am 3.9.1974 in Griechenland die sozialdemokratische PASOK.

Quellen:

Amnesty International: Torture in Greece, The First Torturers‘ Trial 1975, Amnesty International Publications, London 1977

Matthias Bertsch: Vor 50 Jahren: Militärputsch in Griechenland. Eine Diktatur am Geburtsort der Demokratie, https://www.deutschlandfunkkultur.de/vor-50-jahren-militaerputsch-in-griechenland-eine-diktatur.932.de.html?dram:article_id=384239

Marco Kauffmann Bossart: Das bleierne Obristenregime, nzz 21.4.2017, https://www.nzz.ch/international/50-jahre-militaercoup-in-griechenland-das-bleierne-obristenregime-ld.1288069

Marco Kauffmann Bossart: «Natürlich wurde gefoltert», nzz, 21.4.2017, https://www.nzz.ch/international/50-jahre-nach-dem-militaerputsch-in-griechenland-natuerlich-wurde-gefoltert-ld.1288007

Giorgos Christides: Militärputsch in Griechenland 1967. Als die Junta die Demokratie tötete, Der Spiegel, 20.4.2017, https://www.spiegel.de/geschichte/militaerputsch-in-griechenland-1967-als-die-junta-die-demokratie-toetete-a-1143692.html

Theodoros Daskarolis (Botschafter von Griechenland): Die „vielschichtige Tragödie“ der griechischen Militärdiktatur, Vortrag auf dem Symposium des VDGG am 18. November 2016 in Hannover, http://www.cemog.fu-berlin.de/newsletter/newsletter-archiv/cemog-newsletter-08/editorial.html

Der Spiegel: Griechenland. Diktatur. Nacht der Loks, Der Spiegel, 21/1967

Der Spiegel: Griechenland. Diktatur. Insel des Teufels, Der Spiegel, 31/1967

Der Spiegel Griechenland. Diktatur. Alpha und Beta, Der Spiegel, 40/1968

Der Spiegel: Griechenland. Diktatur, Steh auf, Jugend, Der Spiegel, 40/1969

Der Spiegel: Griechenland. Schlammiger Fluss, Der Spiegel 51973

EKKE: Erklärung der EKKE zur Verhaftung von Christos Bistis und Petros Stangos,

Frankfurter Rundschau: Studenten und Arbeiter zogen durch Athen und verlangen auf Transparenten: „Tod dem Faschismus“, Bild, FR 19.11.1973

Friedrich-Ebert-Stiftung (FES): Solidarität und Widerstand – Deutsch-Griechische Beziehungen während der Griechischen Militärdiktatur 1967 – 1974, Wanderausstellung mit 23 Tafeln

Manuel Gogos: Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker. Der demokratische Kampf gegen die griechische Obristendiktatur (1967 – 1974), http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/griechenland/177898/der-demokratische-kampf-gegen-die-griechische-obristendiktatur-1967-1974

Manuel Gogos: Als vor fünfzig Jahren in Griechenland die Obristen putschten, protestierten Künstler aus ganz Europa, nzz, 28.6.2017, https://www.nzz.ch/diskussion-ueber-die-gesetzlosigkeit-1.18004849

Manuel Gogos: Die Schande von Jaros, nzz 10.9.16, https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/aris-fioretos-roman-ueber-die-griechische-militaerdiktatur-die-schande-von-jaros-ld.115949

Elmar Krekeler, Kassiber aus der Hölle der griechischen Diktatur, Die Welt 28.11.2016, https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article159796666/Kassiber-aus-der-Hoelle-der-griechischen-Diktatur.html

KB: Neue Verhaftungswelle zur Liquidierung des griechischen Widerstandes, KB, SdKB, Hamburg 1971

Kommunistische Schüler- und Studentenzeitung: Griechenland: Antifaschistischer Kampf der Studenten erstarkt!, Nr. 7, München, Mai / Juni 1972, S.6

Lücken der Zeit: Faschistische Besatzung und Militärdiktatur in Griechenland, Lücken der Zeit: Dokumentationen und Zusammenhänge, Assoziation Gegengegenwart, https://lueckenderzeit.wordpress.com

Pantelis Pantelouris: Unter dem Damoklesschwert der Zensur. Die Rolle der Medien für die Information der Menschen in Deutschland und in Griechenland, Symposium der VDGG am 18. November 2016 in Hannover, http://www.cemog.fu-berlin.de/newsletter/newsletter-archiv/cemog-newsletter-08/lesenswert.html

Maria Rigoutsou: Die Junta in Athen und das Griechische Programm der DW, 21.04.2017 https://www.dw.com/de/die-junta-in-athen-und-das-griechische-programm-der-dw/g-38416615

Florian Stark: Obristen-Diktatur. Als Griechenland seinen traumatischen Kollaps erlebte, Die Welt, 28.04.2017, https://www.welt.de/geschichte/article164079556/Als-Griechenland-seinen-traumatischen-Kollaps-erlebte.html

Sigrid Skarpelis-Sperk (Präsidentin der VDGG): Der Widerstand gegen die Diktatur der Obristen in Deutschland (1967-1974). Vortrag auf dem Symposium des VDGG am 18. November 2016 in Hannover, http://www.cemog.fu-berlin.de/newsletter/newsletter-archiv/cemog-newsletter-08/editorial.html

Schulkampf Nr. 4, Dortmund 20.6.1975, S. 12

Michael Thumann: Griechenland: Eine Diktatur in der Nato?, DIE ZEIT Nr. 16/2017, 12. April 2017, https://www.zeit.de/2017/16/griechenland-1967-militaerputsch-nato

Chrysa Vachtsevanou: Günter Wallraffs gefährliche Griechenland-Aktion, Deutsche Welle 10.05.2019, https://p.dw.com/p/3IGwn

Günther Wallraff / Eckard Spoon: Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern – ein Lehrstück für morgen, Verlag Kiepenhauer & Witsch, Köln 1975

Wikipedia: Andreas Papandreou, https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Papandreou

Wikipedia: Griechische Militärdiktatur, https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Milit%C3%A4rdiktatur

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