FIPS NEWS Nr. 11: Die Verbrechen der NS-Wehrmacht in Griechenland und die „allererste Forderung an Erziehung“

Editorial

Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Deutschlands ist auch ein Teil der politischen Bildungsarbeit in dem interkulturellen Jugendverband „Wilde Rose „. Die Beschäftigung mit politischen und historisch-politischen Themen steht unter dem Motto: „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft lernen“.

Zu Recht erleben wir immer wieder ein identitätsbildendes Aufbegehren der „Jungen“ gegen die „Alten“. Der Protest gegen alte, überlebte Gewohnheiten, Traditionen und Einstellungen wirkt befreiend und ist eine Voraussetzung dafür, die Zukunft neu gestalten zu können. Doch die Entwicklung geht nicht zwangsläufig in eine demokratische, antifaschistische und antirassistische Richtung. Dafür hat jede Generation von neuem und für sich selbst zu sorgen.

Politische Bildungsarbeit in einem fortschrittlichen Jugendverband definiert sich hierbei als Hilfestellung. Im besten Falle ersetzt sie nicht die Aktivität Jugendlicher, sondern liefert Material, gibt Anstöße und bildet den Rahmen für selbständiges Forschen, Diskutieren und Tätigwerden in der Gesellschaft.

So versteht sich auch der am 2. Juni 2018 gehaltene Vortrag: Zur Rolle der NS-Besatzer und der NS-Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im besetzten Griechenland. Er wurde auf dem Sommertreffen des Mindener Kreises e.V., das vom 1. – 3. Juni 2018 in Petershagen stattfand, gehalten. Das Sommertreffen fand unter dem Thema „Die Jungenschaft und Griechenland“ statt.

Der Vortrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:

  • Vorbemerkung: Die Verbrechen der NS-Wehrmacht in Griechenland und „die allererste Forderung an Erziehung“.
  • Die Unterwerfung Griechenlands – Ziel NS-Deutschlands von Anfang an.
  • Zum Angriffskrieg der NS-Wehrmacht gegen Griechenland und zu dessen Folgen für die griechische Bevölkerung.
  • Zu den Verbrechen der 117. Jägerdivision der deutschen Wehrmacht auf dem Peleponnes.
  • Zur Vernichtung der griechischen Juden Thessalonikis durch die NS-Besatzer.

In diesem FIPS NEWS erscheint der erste Abschnitt des Vortrags.

01.01.2020 Dr. Peter Milde

Vorbemerkung: Die Verbrechen der NS-Wehrmacht in Griechenland und die „allererste Forderung an Erziehung“

Ich möchte zu dem Thema – Zur Rolle der NS-Besatzer und der NS-Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im besetzten Griechenland – einige einleitende Worte vorausschicken. Warum hat dieses Thema heute Relevanz? Sicherlich ergibt diese sich, weil die griechischen Opfer der NS-Besatzung mit ihren heutigen Forderungen und juristischen Anklagen gegen Deutschland uns Deutsche daran erinnern, dass die deutsche Bevölkerung und der Staat Deutschland nach dem Krieg keinerlei Reue zeigte und kaum Entschädigungen zahlte.

Ein anderer Aspekt wurde mir nochmal deutlich anhand der Kritik von fouché in „Einige notwendige Vorausbemerkungen“ (in: Griechische Leiden, S. 45) an meinem Artikel „Zur Rolle Deutschlands im 2. Weltkrieg in Griechenland“, den ich für die „Wilde Rosen Blätter“ geschrieben hatte und der in Nr. 17 der Schriftenreihe des Mindener Kreises aufgenommen wurde. Sicher ist die Bezeichnung „kriegsverbrecherische Mördertruppe“ im Zusammenhang mit dem verbrecherischen Vorgehen der Edelweißdivision gegen die Zivilbevölkerung  im Epirus eine Zuspitzung. Aber ist eine solche Aussage wirklich zu „pauschal“? Wird damit wirklich bloß „Abscheu“ ausgedrückt? – wie mir fouché vorhält. Ich glaube nicht. Ich denke, es ist wichtig die  Dinge auch beim Namen zu nennen und nicht darum herum zu reden.  Da fouché mit seiner Kritik zum Ausdruck bringt, man könne doch nicht alle Soldaten in einen Topf werfen, dann erinnere ich an Kurt Tucholskys Aussage: „Soldaten sind Mörder“. Tucholsky musste sich dem Vorwurf widersetzen, er habe doch zu Unrecht alle Soldaten diffamiert. Es mag sein, dass einzelne Soldaten der die Bevölkerung terrorisierenden Gebirgsjäger am Niederbrennen von Dörfern, an Massakern an ihren Bewohnern und am Beutemachen nicht unmittelbar teilnahmen. Doch warum sollen wir hier differenzieren? Wir sind keine Staatsanwälte und keine Richter.  Es ist nicht unsere Aufgabe, das Maß der Schuld und der Verbrechen des einen oder anderen Soldaten bestimmen zu müssen.  Es steht aber fest, dass neben den direkten Mördern an Zivilisten, auch die „Zuschauer“ und „Betrachter“ in diese Mordhandlungen involviert waren. Raul Hilberg hat im Zusammenhang mit der Vernichtung der Juden dies mit dem Begriff der „indirekten Kollaborateure“ deutlich gemacht.  Es kann keinem auf Hitler vereidigten deutschen Soldaten verborgen geblieben sein, auch dem nicht, der selbst nicht direkt an den als „Sühnemaßnahmen“ und „Geißelerschießungen“ getarnten Mordaktionen gegen griechische Zivilisten teilgenommen hat, dass es sich um einen mörderischen und verbrecherischen Krieg gehandelt hat, in dem Soldaten der NS-Wehrmacht unsägliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen und möglich gemacht haben.

Warum ist mir diese Feststellung so wichtig? Es sind keine historischen oder moralischen Gründe. Für mich als Pädagoge geht es nicht vorrangig darum, die Schuld im Einzelnen auszumessen, sondern mir geht es darum, wie Theodor W. Adorno formulierte, um „die allererste Forderung an Erziehung“ und Bildung der jungen Generation, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Dies darf  nicht nur moralisch verstanden werden. Es ist eine Forderung an die Pädagogen zu einer Erziehung und Bildung der jungen Generation zu selbstbewussten und kritischen Menschen, die sich gegen Bevormundung, Indoktrination und Manipulation zur Wehr setzen, sich einem blinden Gehorsam verweigern, gegen Duckmäusertum aufbegehren und denen ein autoritärer Charakter ein Graus ist.

Auch der Pädagoge in der Schule, der Bildungsreferent im Jugendverband, der Uni-Dozent in der Lehrerausbildung muss zum Ausdruck bringen, dass an dem Vernichtungswerk NS-Deutschlands nicht nur diejenigen schuldig und verantwortlich waren, die die Befehle dazu gaben und nicht nur diejenigen, die die Tat dann unmittelbar ausführten. Mitschuldig und mitverantwortlich sind z.B. auch diejenigen, die als Lokführer die Deportationszüge nach Auschwitz fuhren, die Polizisten, die die Juden durch die Frankfurter Straßen zur Sammelstelle an der Großmarkthalle trieben und die Frankfurter Bürger, die gaffend und applaudierend danebenstanden. Schuldig sind nicht nur die deutschen Soldaten, die Zivilisten als sog. „Geiseln“ massakrierten. Mitschuldig sind auch diejenigen Soldaten, die durch ihr kriegerisches und mörderisches Handwerk dies erst mit ermöglichten. Hätten diese, „nein“ gesagt und sich zur Wehr gesetzt, nicht mitgemacht, hätte das Räderwerk der Vernichtung nicht funktioniert.

Wenn fouché meint, dass auch er „im entsprechenden Alter ohne Zögern Soldat geworden wäre“ und vermutet, dass es auch Dröge so ergangen wäre (ebd.), dann lehne ich eine solche Argumentation ab. Sicherlich ist eine solche Fragestellung für jeden Einzelnen relevant. Aber in der öffentlichen Debatte entschuldigt eine solche Aussage im Grunde die Täter.

Hannah Arendt hat mit dem von ihr geprägten Begriff der „Banalität des Bösen“ nur insofern Recht, dass das „Böse“ allgemein gesehen, von jedem Besitz ergreifen kann. Aber sie hat insofern wiederum nicht Recht, da jeder Einzelne irgendwann einmal vor der Frage stand und vielleicht auch steht: Mache ich mit oder verweigere ich mich? Und darum geht es. Es ist zwar richtig, viele fallen auf die Rattenfänger herein, doch jeder Einzelne hat die Selbstverantwortung für sein Handeln oder sein Unterlassen.  Nicht mitzumachen bei Ungerechtigkeiten und Unrecht, sei es im privaten oder auch im gesellschaftlichen Bereich, muss eine Forderung der Pädagogik sein. Eine Pädagogik, die das Ziel verfolgt Ja-Sager zu erziehen, wird ein neues Auschwitz nicht mit verhindern können. Kinder und Jugendliche sind im Gegenteil dazu zu befähigen, „nein“ zu sagen. Dies ist eine Forderung an Erziehung und Bildung. Dies ist eine Aufgabe der Pädagogen.  

(Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz, Gesammelte Schriften Band 10.2., S. 674ff)

Erziehung und Bildung soll Kinder und Jugendliche dazu anregen, solidarisch mit Armen, Entrechteten und Unterdrückten zu sein, die zunehmende staatliche Überwachung zu kritisieren, sich gegen soziale Einschränkungen zu wehren und Rassismus und Nationalismus abzulehnen. Wenn wir dies erfolgreich tun, dann wird auch die heutige junge Generation dazu befähigt sein, „nein“ zu sagen zu einem neuen Holocaust oder einem neuen verbrecherischen Krieg. Und es ist niemals, auch 1939/1941 nicht, zwangsläufig gewesen, dass die junge Generation mitmarschierte. Denken wir an einige Mitglieder der „Weißen Rose“, die den Weg fanden von der NS-Jugend zum aktiven Widerstand. Auch die Partisanen in Griechenland waren solche Jugendliche, die meisten im Alter von 15 bis 20 Jahren, die „nein“ sagten und lieber sterben wollten, als zu kollaborieren.

Nicht einverstanden bin ich auch mit den Aussagen fouché’s zu den griechischen Partisanen und dem griechischen Partisanenkampf, nämlich mit seiner Feststellung „dass Partisanen … die Ansiedlungen mit ihren Familien Repressalien preisgeben“ und dass der „Partisanenkampf (…) nach damaligem Kriegsrecht keinen Schutz genoss“ (ebd.). Oder wie es an anderer Stelle heißt: „Dabei war damaliges internationales Recht nicht auf der Seite der Aufständischen. Diese nahmen in Kauf  – provozierten es geradezu -, dass die Besatzungsmacht (…) gegen die Zivilbevölkerung zurückschlug“ (a.a.O. S. 7-8).  Solche Aussagen relativieren die Schuld der Soldaten der NS-Wehrmacht, da sie aus sich wehrenden Opfern ebenfalls Täter machen. Die Truppen NS-Deutschlands haben sich an kein Kriegsrecht gehalten, egal ob sie gegen Partisanen oder gegen reguläre Truppen kämpften. Die offizielle Maxime Hitlers und der Wehrmacht war, „erlaubt ist, was Erfolg verspricht“.  Die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen in den von ihnen eroberten Ländern und Gebieten, war Konzept der terroristischen NS-Kriegsführung. Und fouché hat auch formal-juristisch nicht recht und hätte es besser wissen können,  denn in dem Beitrag „Klisúra und Distomo“ (a.a.O. S. 12) führt Dröge aus, dass sich die griechischen Andárten 1943 dem britischen Oberkommando für den Mittleren Osten in Kairo unterstellt hatten und somit völkerrechtlich als reguläre Truppen der Alliierten kämpften.

Man verzeihe mir diese Vorbemerkung – aber dies sind alles wichtige Fragen, die zu diskutieren vielleicht sogar mehr gesellschaftliche Relevanz haben, als die reine Wissensvermittlung über die Verbrechen der NS-Besatzer in Griechenland.

Ich hoffe mir gelingt es im Folgenden exemplarisch aufzuzeigen, dass durch die Soldaten der NS-Wehrmacht ein Räderwerk ungeheuerlicher Verbrechen an der griechischen Bevölkerung in Gang gesetzt wurde und ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf einige Mythen und Legenden hinweisen, die die Verbrechen der NS-Besatzer relativieren und z.T. schon von ihnen in die Welt gesetzt wurden.

30. Mai 2018 Dr. Peter Milde

(Der zweite Teil des Vortrags erscheint in FIPS NEWS Nr. 12 am 15. Januar 2020)

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