DEZEMBER 2020 – FIPS-NEWS NR. 26: VORTRÄGE ZUR GESCHICHTE GRIECHENLANDS – TEIL II: 1941 – 1949

EDITORIAL

In Deutschland ist die Erinnerung an die Verbrechen NS-Deutschlands und der Wehrmacht in Griechenland in der Zeit von 1941 – 1944 faktisch nicht vorhanden. Statt einer Erinnerungskultur an die Verantwortung für die Verbrechen wird die Ablehnung von Wiedergutmachungen gepflegt.

Auch in Griechenland wurde die Erinnerung an den Kampf gegen die NS-Besatzung und die Bürgerkriege in der Zeit von 1943 – 1949 von einer Sicht durch die „antikommunistische Brille“ geprägt. Es dauerte Jahrzehnte bis die von der EAM/ELAS geführten Kämpfe gegen die NS-Besatzer in die nationale Erinnerungskultur aufgenommen wurden. Ebenso lang dauerte es, bis die Aufarbeitung der Bürgerkriege von 1943 – 1949 vorurteilsfrei Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen wurde.

Auch in diesem 2. Teil der Vorträge, die den Zeitabschnitt von 1941 – 1949 behandeln, können nur einen Überblick geben und werfen z.T. auch mehr Fragen und Probleme auf, als dass diese gründlich beantworten werden können.

7. Dezember 2020 Dr. Peter Milde

Vorträge zur Geschichte Griechenlands – Teil II: 1941 – 1949

Vortrag 4: Zum nationalen Befreiungskampf gegen die NS-Besatzung

4.1 Zur Besatzung Griechenlands durch die Truppen NS-Deutschlands

Im 6. April 1941 erfolgte mit einer riesigen deutschen Armee von Jugoslawien und Bulgarien aus der Angriff gegen Griechenland. Die Regierung Metaxas rief zum Widerstand gegen die Invasoren auf. Der militärische Plan war es, eine Verteidigungslinie zusammen mit englischen Truppen in der Mitte Griechenlands aufzubauen. Doch General Tsolakoglu, der die griechische Epirus-Mazedonien-Armee befehligte und dessen Armee die deutschen Truppen aufhalten sollte, kapitulierte am 23.4.1941 vor der NS-Wehrmacht. Eine militärische Verteidigung Griechenlands war dadurch unmöglich geworden. Der andere Teil der Armee, die Regierung (Metaxas selbst war bereits kurz vorher gestorben) und der König flohen nach Kairo unter den Schutz Großbritanniens. Insbesondere auf der Insel Kreta stießen die NS-Truppen von Beginn an auf großen Widerstand der Bevölkerung.

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Griechenland wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt. Der Nordosten wurde bulgarische, die Großräume Thessaloniki und Athen und der größte Teil Kretas wurden deutsche und der Rest wurde italienische Besatzungszone. NS-Deutschland sicherte sich das Recht der Ausbeutung aus allen drei Zonen.

Unternehmen aus NS-Deutschland eigneten sich große Teile der Industrie, des Bergbaus und die Erzeugnisse der Landwirtschaft an. Die NS-Truppen plünderten Griechenland im großen Stil aus. Die große Masse der griechischen Bevölkerung verarmte und über 300.000 Griech*innen starben an Hungersnot.

Photo exhibition of the Diplomatic and Historical Archive Department
Urheber: Υπουργείο Εξωτερικών
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Zeitweise musste NS-Deutschland bis zu 300.000 deutsche Soldaten in Griechenland einsetzen, um den Widerstandswillen der ländlichen Bevölkerung, die die Andarten (griechischen Partisanen) mit Nahrungsmitteln versorgten und über Truppenbewegungen der deutschen Truppen informierten, zu brechen.

Am 3.10.1943 wurde das Dorf Lyngiades von Einheiten der Gebirgsjäger mit dem Edelweiß niedergebrannt und über 80 Frauen und Kinder ermordet. https://www.hfmeyer.com/german/veroeffentlichungen/edelweiss/bilderseiten/27.html

Die Wehrmacht verübte eine Vielzahl von Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, zerstörte über Tausend Dörfer und ermordete auf bestialische Weise deren Bewohner. Bei diesen sogenannten „Vergeltungsaktionen“ oder „Sühnemaßnahmen“, wie die NS-Besatzer ihre Verbrechen bezeichneten, wurden mindestens 60.000 Zivilisten ermordet. Besonders grausam gingen die NS-Wehrmacht, die Eliteeinheiten der Gebirgsjäger mit dem Edelweiß und die SS gegen die griechische Zivilbevölkerung vor. 10.000 Andarten fielen im Partisanenkampf. Die NS-Wehrmacht und die SS hatten fast 30.000 Tote in Griechenland.

Mahnmal zur Erinnerung an die ca. 2000 ermordeten korfiotischen Jüdinnen und Juden in Kerkyra
© Peter Milde 2019

Mit der Kapitulation des faschistischen Italien im September 1943 besetzte die Wehrmacht die gesamte italienische Besatzungszone. Bei der Entwaffnung und Gefangennahme der sich ergebenden italienischen Soldaten in Griechenland verübten die NS-Truppen grausame Massaker an ca. 5.500 italienischen Soldaten auf den Ionischen Inseln Kefalonia und Korfu.

Ein besonders grausames Kapitel der Besatzung Griechenlands durch NS-Deutschland war die fast völlige Vernichtung der griechischen Jüdinnen und Juden durch die Deportation in die deutschen Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka, bzw. ihre Ermordung bereits in Griechenland. Von den griechischen Jüdinnen und Juden in Thrazien (bulgarische Besatzungszone), im Großraum Thessaloniki (Teil der deutschen Besatzungszone) in Ioannina und von Korfu konnten nur wenige ihren deutschen Mördern entkommen. Den Holocaust an den über 70.000 jüdischen Griech*innen überlebten nur ca. 13.000.

4.2 Zu den Kollaborateuren der NS-Besatzung

Die griechischen Kollaborateure erleichterten der NS-Besatzung ihr verbrecherisches Handwerk. Umgekehrt profitierte von der Kollaboration mit der NS-Besatzung ein beträchtlicher Teil des griechischen Bürgertums, ebenso der kollaborierende Teil des Militärs. Besonders die Polizei, die Gendarmerie sowie die staatliche Verwaltung, aus denen unter der Diktatur Metaxas bereits weitgehend die Republikaner entfernt worden waren, stellten sich in den Dienst der NS-Besatzer.

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Von großem Vorteil für die NS-Wehrmacht und die NS-Besatzung bei ihrem Überfall auf Griechenland war es, dass die im Norden Griechenlands von General Georgios Tsolakoglou befehligten, griechischen Truppen eigenmächtig die Kämpfe gegen die Invasoren einstellten und am 20.4.1941 ohne Verhandlungen vor der NS-Wehrmacht kapitulierten. Dies verhinderte den Aufbau einer Abwehrfront und führte zur schnellen Kapitulation der gesamten griechischen Armee.

Am 23.4.1941 unterzeichnete Tsolakoglu die Kapitulationsurkunde. Die NS-Besatzer setzten daraufhin am 29. April 1941 General Tsolakoglou als Ministerpräsident einer Kollaborationsregierung ein.

Obwohl eine ganze Reihe der alten politischen und sozialen Eliten gute Beziehungen zur Kollaborationsregierung pflegten, traten in die Kollaborationsregierung Tsolakoglous nur Militärs und Politiker der alten Metaxa-Diktatur ein.

Die NS-Besatzer konnten sich auf den in Griechenland verbliebenen Teil des alten Offizierkorps, der faschistischen Sicherheitskräfte und der staatlichen Repressionsorgane der alten Metaxa-Diktatur stützen. Da die Kollaborationsregierung unter Tsolakoglou die Formierung des breiten Widerstands gegen die Besatzer nicht verhindern konnte, wurde Tsolakoglou von den deutschen Besatzern am 2.12.1942 abgesetzt und durch den Medizinprofessor Logothetopoulos ersetzt. Doch auch dieser wurde nach wenigen Monaten wieder seines Amtes enthoben, weil auch er es nicht verstand die „alten“ bürgerlichen Politiker für die offene Kollaboration mit den NS-Besatzern zu gewinnen.

Dies änderte sich, als die NS-Besatzer am 7.4.1943 als Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten der griechischen Kollaborationsregierung den „alten“ royalistischen Berufspolitiker Ioannis Rallis gewinnen konnten. Das verbindende Element des Royalisten Rallis und der NS-Besatzer war das gemeinsame Ziel die EAM/ELAS zu bekämpfen und den demokratisch-republikanischen Widerstand zu brechen.

Die Kollaborationsregierung Rallis verstand es, mit der Warnung vor der „kommunistischen Gefahr“, die konservativen Eliten Griechenlands für seine Kollaborationsregierung zu gewinnen, diesen eine politische Karriere zu ermöglichen und selbst eine aktive Rolle im Kampf gegen die ELAS/EAM einzunehmen. Rallis Ziele waren, die Voraussetzungen für eine Rückkehr der Monarchie zu schaffen und eine republikanische Entwicklung Griechenlands zu verhindern.

Zur Verwirklichung ihrer Ziele benötigte die Kollaborationsregierung Rallis jedoch eigene bewaffnete militärische Kräfte, die über die bereits mit den NS-Besatzern kollaborierende Polizei und Gendarmerie hinausgingen. So wurden im Winter 1943/44 griechischen „Sicherheitsbataillone“ gemeinsam von den deutschen Besatzern und der Regierung Rallis aus ehemaligen Mitgliedern der griechischen Armee, aus Polizisten und antikommunistischen Aktivisten und Banden aufgestellt, die von royalistischen Offizieren befehligt wurden.

Die militärische Ausrüstung der „Sicherheitsbataillone“ der Kollaborationsregierung Rallis übernahm die NS-Wehrmacht. Die Sicherheitsbataillone waren auf der Peleponnes, in Attika, Euboea und in Thessalien eine berüchtigte Bürgerkriegsarmee, die Tausende von Griech*innen ermordete. Eine ganze Reihe kleinerer bewaffneter Organisationen und Banden schlossen sich den deutschen Besatzungstruppen an, wurden von diesen ausgerüstet und finanziert, so z.B. die Organisation „X“, die einzig ihre Aufgabe im Kampf gegen die ELAS/EAM sahen.

Eine bedeutende Unterstützung für die NS-Besatzer war auch die ökonomische Kollaboration, bei der sich die NS-Besatzer der Zusammenarbeit mit den Kollaborationsregierungen und des Staatsapparates sicher sein konnten. Obgleich die deutsche Besatzung auf vielfache Weise Griechenland auspresste und die griechische Ökonomie kontrollierte, war NS-Deutschland doch auf eine gute Zusammenarbeit mit dem griechischen Bürgertums beim Kauf von Lebensmitteln, Waren, Rohstoffen und bei der Investition deutschen Kapitals angewiesen.

Der für die ökonomische Ausbeutung Griechenlands zuständige deutsche Sondergesandte in Athen, Hermann Neubacher, gründete hierzu gemeinsam bereits mit der Kollaborationsregierung Logothetopoulos die Deutsch-Griechische Handelsgesellschaft (DEGRIDES), die den gesamten Handel mit Deutschland abwickelte.

Eine weitere Art der Kollaboration war die Versorgung der NS-Wehrmacht mit in den Rüstungsbetrieben des griechischen Unternehmens Bodossakis-Athanassiadis hergestellten Waffen, Munition und sonstigen Kriegsmaterial. Aber auch zahlreiche Unternehmen aus der Bau-, Lebensmittel- und der Textilindustrie erzielten ihren Profit aus der Produktion für die deutschen Besatzer. Außerdem profitierten zahlreiche Spekulanten und Schwarzmarkt-Händler von der Verknappung der Lebensmittel und der Hungersnot, die durch Raub, Beschlagnahme und Kauf durch die NS-Besatzer entstanden waren.

4.3 Zum Widerstand gegen die NS-Besatzung

Die Kommunistische Partei Griechenlands (Kommunistiko Komma Elladas = KKE), die seit der Errichtung der Diktatur Metaxas sich illegal reorganisiert hatte, verabschiedete im Juli 1941 auf ihrem 6. Plenum ihr „Programm der nationalen und sozialen Befreiung“.

Am 27. September 1941 wurde die Nationale Befreiungsfront (EAM) gegründet. In ihr waren vertreten, die KPG, die Union der Volksdemokratie (EDL), die Bauernpartei und die Sozialistischen Partei Griechenlands (SKE).

Das Gründungsdokument der EAM formulierte als Ziele des „nationalen Befreiungskampfes“:

„1. Die Befreiung der Nation vom derzeitigen fremden Joch und die Eroberung der vollständigen Unabhängigkeit des Landes. 2. Sobald die fremden Besatzer verjagt sein werden, die Bildung einer provisorischen Regierung der EAM, einer Regierung, deren einzige Aufgabe es sein wird, Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung auszuschreiben, gewählt nach dem Verhältniswahlrecht, damit das Volk souverän entscheiden kann über die Regierungsform, die es sich geben will. 3. Die Sicherung und die Verteidigung dieses souveränen Rechts des griechischen Volkes, über seine Regierungsform zu entscheiden gegen jeden reaktionären Versuch, dem Volk seinem Willen entgegengesetzte Lösungen aufzuzwingen und die Neutralisierung eines solchen Versuches durch alle Mittel, über die die EAM und ihre Organe verfügen können.“1

Aus mehreren Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten (Andarten) der EAM, die in Nord- und Mittelgriechenland die Stützpunkte der NS-Wehrmacht und der italienischen Armee, die Transportwege und die Verwaltungsorgane der Athener-Kollaborationsregierung angriffen, wurde im Dezember 1941 die Nationale Befreiungsarmee (ELAS) gegründet. Die ELAS war den Weisungen des Zentralkomitees der EAM unterstellt. Die Führungen der ELAS waren auf allen Ebenen mit drei Spitzen ausgestattet: dem militärischen Befehlshaber, dem politischen Kommissar und dem sog. Kapetanios, der für die Beziehungen der ELAS zur Bevölkerung verantwortlich war.

Aris Velouchiotis (Athanasios Klaras)
by Dmitri Kessel (1902-1995).
By Source (WP:NFCC#4), Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=39359856

Der bekannteste Anführer von Andartengruppen war Aris Velouchiotis. Im Alter von 24 Jahren trat der 1929 der Jugendorganisation der KPG und später der KPG bei. Als Feldwebel beteiligte er sich am Krieg gegen die Invasion Mussolinis Italien. Im Januar 1942 ging er in die Berge Mittelgriechenlands und baute dort die ersten Partisanenstreitkräfte auf. Im Spätsommer 1942 hatte die EAM ca. 40.000 und die ELAS ca. 50.000 Mitglieder*innen, von denen ca. 25.000 aktive Andarten waren.

1943 hatten die Besatzungsmächte und die Kollaborationsregierung in weiten Teilen Griechenlands nur noch die Kontrolle über die Städte, einige Hauptstraßen und die Eisenbahnlinie Saloniki nach Athen.

Viele griechische Jüdinnen und Juden – vor allem in Kleinstädten und aus dem Großraum Athen – entkamen den Verfolgungen und Deportationen durch die Wehrmacht und die NS-Besatzer, da sie sich den Andarten anschlossen.

In den befreiten Gebieten Nord- und Mittelgriechenlands wurde von der EAM ein eigenes Regierungssystem aufgebaut. Aus den Wahlen in den örtlichen Selbstverwaltungen, an denen in Griechenland erstmals auch Frauen teilnehmen konnten, gingen Komitees für Schul- und Kirchenfragen, für Ernährung, Soziales und Sicherheit und ein jederzeit wieder abwählbares Gericht hervor. Jedes dieser Komitees stand unter der Kontrolle eines ebenfalls gewählten Kontrollorgans.

1944 kontrollierte die ELAS/EAM ca. 4/5 Griechenlands. Die EAM schuf am 10. März 1944 eine zentrale Provisorische Regierung, das Politische Komitee der Nationalen Befreiung (PEEA). Im politischen Komitee der Nationalen Befreiung stellte die KPG zwei von elf Mitgliedern. Die Mehrheit wurde von nicht kommunistischen Linken, liberalen Demokraten und Republikanern gebildet. Die Provisorische Regierung koordinierte die örtlichen Selbstverwaltungen, trieb Steuern ein, mit denen etwa die ELAS und die Lehrer finanziert wurden. Bei ihr befand sich auch die oberste gerichtliche Instanz.

Die am 26.11.1942 gesprengte Gorgopotamos-Eisenbahnbrücke.
https:// www.hfmeyer.vom/bilderseiten/3A.html

In den Städten arbeitete die EAM in Untergrund. Die ihr angeschlossenen Gewerkschaften konnten etwa in Athen verhindern, dass Zwangsarbeiter in Arbeitslager nach Deutschland deportiert wurden.

1944 verfügte die ELAS über etwa 100.000 Kämpfende, die EAM hatte ca. 1 ½ Millionen, die EPON (die Jugendorganisation der EAM) ca. 600.000 und die KPG ca. 500.000 Mitglieder*innen.

Ein heute noch in Griechenland bekanntes Symbol des antinazistischen Widerstandes ist die 1942 von der ELAS gemeinsam mit den mit Fallschirmen in Griechenland abgesetzten englischen Verbindungsoffizieren und der EDES gesprengte Gorgopotamosbrücke, mit der der Nachschub der NS-Wehrmacht nach Athen und nach Nordafrika unterbrochen wurde.

Vortrag 5: Zum Bürgerkrieg in Griechenland von 1943 – 1945

5.1 Zum Bürgerkrieg gegen die Kollaborationsregierung und die mit den deutschen Besatzern kollaborierenden Kräfte (1943 – 1944)

Napoleon Zervas, leader of the military wing of the EDES resistance group, with fellow officers.
CC BY-SA 3.0
https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleon_Zervas#/media/Datei:Napoleon_Zervas.JPG

Am 9. September 1941 gründete der ehemalige republikanische und antikommunistische Offizier Oberst Napoleon Zervas zusammen mit einigen Politikern und Militärs in Athen die Widerstandsgruppe EDES (Nationale Republikanische Griechische Liga). Ihr Vorsitzender war der im französischen Exil lebende Oberst Nikolaos Plastiras. Nachdem die EDES im März 1942 ihre Loyalität mit dem griechischen König verkündete, begann Zervas im Juli 1942 im Epirus eine bewaffnete Widerstandsbewegung aufzubauen. Er wurde hierbei von der britischen Armee bevorzugt mit Geld, Waffen und Ausrüstung bestens ausgestattet, um ein Gegengewicht gegen die linke republikanische ELAS aufzubauen. Die EDES ging jedoch bereits Ende 1943 von der Bekämpfung der deutschen Besatzungstruppen zur Kollaboration mit ihnen über und folgte dem Kalkül der Wehrmachtsführung in Griechenland „Griechen gegen Griechen“ kämpfen zu lassen. Ab Oktober 1943 kam es zu Kämpfen zwischen der EDES und der ELAS, die sich zu einem Bürgerkrieg ausweiteten.

Im Februar 1944 fand eine Besprechung der verfeindeten Organisationen (ELAS und EDES) zusammen mit der Britischen Militärmission statt, auf der die Einstellung der Feindseligkeiten beschlossen wurde. Der Vorschlag der ELAS, die Widerstandsorganisationen zu verschmelzen, wurde von der EDES und den Briten abgelehnt. Da England am ehesten seine Interessen durch eine griechische Monarchie vertreten sah, waren die Briten auf eine Schwächung der EAM/ELAS aus.

5.2 Zur Rolle der britischen Truppen 1943 – 1944 und der „Regierung der nationalen Einheit“

Auf Grund der militärischen und politischen Erfolge der ELAS/EAM stellte sich bereits im Frühjahr 1943 die englische Regierung unter Churchill nach dem Sieg über die deutsche Wehrmacht in Griechenland auf einen Bürgerkrieg gegen die ELAS/EAM ein. In einer Geheiminstruktion des britischen Hauptquartiers für den gesamten Nahen Osten an den Kommandanten der Britischen Militärmission in Griechenland, Brigadegeneral Edmund C. Myers, hieß es, dass „der Bürgerkrieg nach der Befreiung Griechenlands unvermeidlich“ sei.2

Unter dem Oberkommando der englischen Truppen in Ägypten befanden sich auch griechische Truppen, die sich teils aus der alten royalistischen Armee, die mit dem König ins Exil gingen, und teils auch aus exilierten Freiwilligen zusammensetzten. Im Frühjahr 1943 kam es unter den griechischen Truppen in Ägypten zu zwei Meutereien.

In der ersten Revolte setzten liberale und republikanische Offiziere mit Unterstützung der Mannschaften eine Umorganisation und Neubesetzung der militärischen Führung durch, die bis dahin von royalistischen und noch von Metaxa eingesetzten Offizieren gebildet wurde. Einige Wochen später meuterten nun die Mannschaften, die die vollständige Entfernung der Offiziere der Metaxa-Diktatur aus der Exilarmee und die Anerkennung der Provisorischen Regierung der EAM forderten. Englische Truppen schlugen die zweite Revolte mit militärischer Gewalt nieder.

Grundsätzlich war im Rahmen der Anti-Hitler-Koalition der Alliierten Großmächte (England, Sowjetunion und USA) die ELAS dem Oberkommando der englischen Truppen in Kairo unterstellt. Auf Grund der militärischen Stärke der unter dem Kommando der Briten stehenden Truppen im Nahen Osten, nahm die Britische Regierung auch Einfluss auf die Bildung einer künftigen Regierung in Griechenland nach dem Sieg über die Wehrmacht, die ihre Interessen im Nahen Osten vertreten sollte.

Als Reaktion auf die Gründung der Provisorischen Regierung (PEEA), die sich ausdrücklich als Alternative zur Exilregierung in Kairo verstand, berief das britische Oberkommando im Nahen Osten zusammen mit der unter ihrem Schutz stehenden griechischen Exilregierung eine Konferenz zur Besprechung der Lage nach dem bevorstehenden Sieg über die NS-Besatzung in Griechenland ein. Diese Konferenz fand vom 17. – 20. Mai 1944 in Beirut statt. An ihr nahmen auch Vertreter der EAM/ELAS teil.

In diesen sog. Libanon-Verhandlungen im Mai 1944 kamen die griechischen Exilpolitiker, das britische Militär und die EAM überein, eine „Regierung der Nationalen Einheit“ unter der Führung des liberalen und zugleich antikommunistisch eingestellten Politikers Georgios Papandreou zu bilden, an der sich auch 5 Mitglieder der EAM/ELAS beteiligten. Die Libanon-Vereinbarung sah u.a. eine Reorganisation der griechischen Streitkräfte und der Widerstandsorganisationen und eine harte Bestrafung für alle Kollaborateure vor.

Im September 1944 fand eine weitere Konferenz im süditalienischen Cazerta statt, auf der vereinbart wurde, dass sich alle Partisanenverbände, also auch die ELAS der griechischen Regierung der Nationalen Einheit und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Griechenland, dem britischen General Scobie unterstellen. Eigenmächtiges Vorgehen der Partisanenführer sollte als Verbrechen bestraft werden.3

Zwei Tage nach der Konferenz von Cazerta begann die deutschen Truppen mit dem Rückzug aus Griechenland. Zwei Tage nachdem am 12. Oktober 1944 die deutschen Besatzer Athen räumten, kehrten die britischen Truppen und unter ihrem Schutz die Exilregierung unter Georgios Papandreou nach Athen zurück.

5.3 „Freies Geleit“ für die NS-Truppen1944, die Britische Intervention 1944 – 1945 und der Bürgerkrieg von Dezember 1944 – Januar 1945

Spätestens im August 1944 hatte die britische Regierung einen ausgearbeiteten militärischen Plan, wie sie durch militärische Intervention und Schüren des Bürgerkriegs der reaktionären, ehemals mit der Wehrmacht zusammenarbeitenden bewaffneten griechischen Kräfte gegen die ELAS/EAM, die royalistische Regierung an die Macht bringen konnte. Churchill schrieb hierüber in seinen Memoiren:

„Eines musste vor allem vermieden werden, nämlich ein politisches Vakuum in Griechenland. Am 29. August sagte ich in einem Memorandum: ‚Es ist höchst wünschenswert, ohne vorherige Krise aus heiterem Himmel zuzuschlagen, denn es ist die beste Art, der EAM zuvorzukommen‘. Der Plan bestand im Wesentlichen darin, Athen und seinen Flugplatz durch eine Fallschirmjägerbrigade zu besetzen, vier Jagdfliegerstaffeln dorthin zu verlegen, den Piräus von Minen zu räumen, dort Verstärkungen aus Ägypten zu landen und das frühe Eintreffen der griechischen Exil-Minister zu sichern.“4

Innerhalb der KPG sowie der EAM/ELAS war der auf Kompromiss mit den Briten und der Exilregierung ausgerichtete Kurs nicht unumstritten. Innerhalb der ELAS-Führungskräfte gab es bedeutende Teile (zu denen auch der Kapetanios Aris Veluchiotes zählte), die sich bereits zu diesem Zeitpunkt auf eine militärische Konfrontation mit den unter dem britischen Kommando stehenden Truppen einstellte und die Kompromisse mit den Briten und der Exilregierung als „Verrat“ ansahen. Diese Kräfte wurden auf dem 10. Plenum der KPG wegen ihrer anti-britischen Propaganda als „Linksabweichler“ kritisiert.5

Am 12. Oktober 1944 erfolgte der Abzug der NS-Wehrmacht aus Griechenland, der bis zum 4. November 1944 dauerte. Für die britischen Truppen wäre es ein leichtes gewesen, den abziehenden deutschen Truppen empfindliche Schläge zu versetzen. Zumal sich zu diesem Zeitpunkt die Rote Armee bereits in Bulgarien und Rumänien befand, wäre ein vollständiger Rückzug der Wehrmacht fraglich gewesen. Doch die NS-Wehrmacht vereinbarte mit der EDES und der Führung der britischen Truppen „freies Geleit“ für ihren Abzug aus Griechenland. Im Gegenzug teilte sie den britischen Truppen Ort und Zeitpunkt des Abzugs mit und überließ der EDES jede Menge Waffen und Munition. Dadurch konnten einige der geräumten Gebiete nicht von der ELAS/EAM, sondern von den britischen Truppen, der EDES und von den ehemals von der NS-Wehrmacht aufgestellten „Sicherheitsbataillone“ der alten Kollaborationsregierung, die sich jetzt in den Dienst der britischen Armee stellten, eingenommen werden.

Daher war es eine Verkennung der entstandenen neuen politischen und militärischen Lage als das Zentralorgan „Rizospastis“ der KPG am 24. Oktober 1944 die britischen Truppen als „die tapferen Söhne des freiheitsliebenden alliierten Großbritannien“ begrüßte, die gekommen seien, „um den Kampf gegen den zurückweichenden Feind fortzusetzen“.6

Georgios Papandreou, Prime Minister of Greece, speaking to the Ship’s Company of H.M.C.S. PRINCE DAVID before disembarking from the ship which had returned him and his ministers to Greece. (L-R): interpreter; Mr. Papandreou; Commander T.D. Kelly, gemeinfrei

Nach dem Plan der Regierung Churchills landeten zwei Tage nach dem Abzug der Wehrmacht aus Athen die britischen Truppen zusammen mit zwei ausgesprochen rechts ausgerichtete Brigaden der griechischen Exilarmee und die Exilregierung in Athen.

Die von Georgios Papandreou geführte griechische Regierung der „Nationalen Einheit“ in Athen war völlig den Weisungen des britischen Generalleutnant Ronald Scobie unterworfen und führte – entgegen den Vereinbarungen mit der EAM – weder die Verhaftung der Kollaborateure noch die Auflösung der Athener Polizei und auch nicht die Entwaffnung der mit der deutschen Wehrmacht kollaborierenden paramilitärischen Truppen, wie der Sicherheitsbataillone und der Organisation X unter Oberst Grivas durch. Stattdessen forderten die griechische Regierung Georgios Papandreou und der General Scobie am 2. Dezember 1944 die EAM auf, die ELAS aufzulösen. In der Konsequenz war dies die Erklärung des Bürgerkriegs gegen die EAM/ELAS.

Der EAM blieb nichts anderes übrig – wollte sie nicht ihr politisches Todesurteil selbst vollziehen – als die Forderung nach Auflösung der ELAS abzulehnen. Konsequent wäre damit auch ein Rückzug der EAM-Minister aus der Koalitions-Regierung der „Nationalen Einheit“ Georgios Papandreous gewesen. Die Führung der EAM verhielt sich jedoch weiterhin passiv und abwartend und hoffte durch eine Demonstration ihrer Anhänger in Athen, Druck auf die Regierung der „Nationalen Einheit“ ausüben zu können.

Zu diesem Zweck fand am 3. Dezember 1944 eine große, friedliche Demonstration der Anhänger der EAM in Athen statt. Als die Athener Polizei auf die Demonstrant*innen schoss, fanden ca. 100 von ihnen den Tod. Nun traten am 3. Dezember 1944 die EAM-Minister aus der griechischen „Regierung der Nationalen Einheit“ aus. Dieses Polizeimassaker war der Anlass für die Einheiten der Athener ELAS daraufhin die Polizeistationen und die Zentrale der paramilitärischen Organisation „X“ im Großraum Athen und im Hafen Piräus anzugreifen. Die ELAS eroberte in den folgenden Tagen immer neue Gebiete im Großraum Athens und besetzte fast alle Polizeistationen und es war absehbar, dass die ELAS die Regierungsgebäude bald einnehmen würde.

Die britische Regierung Churchill setzte ganz auf die militärische Stärke der britischen Truppen in Athen. In einem Telegramm Churchills an den befehlenden britischen General Scobie in Athen vom 5. Dezember 1944 hieß es:

„Es wäre selbstverständlich gut, wenn sich die griechische Regierung mit ihrer Autorität hinter Ihre Kommandogewalt (d.h. des Generals Scobie, AdV.) stellte. (…) Zögern Sie aber nicht, so zu handeln, als befänden Sie sich in einer eroberten Stadt, in der ein örtlicher Aufstand ausgebrochen ist. (…) Wir müssen unsere Position und Autorität in Athen behaupten.“7

In einem Telegramm vom gleichen Tag an den britischen Botschafter in Athen, Reginald Leeper, heißt es:

„Es ist jetzt nicht der Moment, in der griechischen Innenpolitik nur herum zu pfuschen und sich einzubilden, dass die dortigen Politiker jeglicher Schattierung die Lage beeinflussen können. Kümmern Sie sich nicht um die Zusammensetzung der griechischen Regierung. Es geht um Leben und Tod. (…) Sie müssen Papandreou versichern, dass er von unserer Seite unterstützt werden wird, falls er seine Pflicht tut. Die Tage sind längst vorüber, da irgendwelche Politiker auf diesen rebellischen Pöbel einwirken konnten. Nur wenn er mit uns zusammengeht, hat Papandreou eine Chance, sich durchzusetzen.“ 8

Inzwischen hatten die britischen Truppen Saloniki besetzt und in Athen eine unter ihrem Kommando stehende griechische Nationalgarde mit 20.000 Mann aus dem rechten Lager gebildet. Die britischen Elite-Truppen mit einer Stärke von 6.000 Mann hatten sich in der Innenstadt Athens, dem Flughafen, dem Hafen in Piräus und der Verbindungsstraße zwischen Piräus und der Athener Innenstadt verschanzt. Tagsüber bombardierte die britische Luftwaffe die nach Athen führenden Straßen, um den Nachschub für die ELAS-Einheiten in Athen zu erschweren.

AUF DIE NACHRICHT VON DEN TORYBLUTBÄDERN IN GRIECHENLAND

In der Mitte des größten Gestanks
Werden die größten Wörter gesprochen.
Wer seine Nase zuhalten muß
Wie soll der seine Ohren zuhalten?
Wenn die Kanonen nicht heiser wären
Würden sie sagen: wir tun,s für die Ordnung.
Wenn der Schlächter sich die Zeit nähme
Würde er sagen: ich bin selbstlos.
Seit meine Landsleute, die Griechenforscher
Aus den homerischen Gefilden vertrieben sind
Wo sie nach Ölivenöl und Herden geforscht haben
Kehrten die Befreier zurück aus der Schlacht
Da saßen neue Herren in ihren Städten.
Zwischen den Kanonen hervor traten die Händler
Bertholt Brecht
(vermutlich ein Fragment, Ende 1944 geschrieben)


DER ALTE MANN VON DOWNINGSTREET (1944)
... 
Haltet eure Söhne im Haus, Mütter von Athen!
Oder zündet die Kerzen an für sie: heute nacht
Bringt der alte Mannvon Downingstreet
euren König zurück.
     Bertholt Brecht
(vermutlich 1946/1847 geschrieben)

Am 10. Dezember 1944 erhielten die ELAS-Einheiten den Befehl von der EAM-Führung, die britischen Truppen in Athen und die EDES-Einheiten im Epirus anzugreifen. Innerhalb weniger Tage wurde die EDES im Epirus besiegt und die Reste ihrer Einheiten wurden an der Adria-Küste von britischen Kriegsschiffen aufgenommen.

Ständig wurden neue Divisionen der britischen Armee von Italien nach Athen eingeflogen. Bis Ende Dezember hatte der britische General Scobie in Athen 80.000 Mann unter seinem Kommando. Die ELAS hatte in Athen lediglich 8.000 Kämpfer*innen und die militärisch nicht geübte sog. ELAS-Reserve.

Bei der Visite Churchills in Athen zu Weihnachten 1944 wurde die Regierung von Georgios Papandreou, die sich in den Augen der britischen Armee als unfähig erwiesen hatte, abgesetzt und der Athener Erzbischof Damaskinos Papandreou wurde vom König zum Regenten ernannt. Am 3. Januar 1945 wurde dann die neue Regierung unter Nicolaos Plastiras9 vereidigt.

Der Großangriff der ELAS auf das Stadtzentrum von Athen und die britischen Truppen endete mit ihrer Niederlage und vom 4. auf den 5. Januar 1945 war die ELAS gezwungen ihre Kämpfer*innen aus Athen abzuziehen.

Am 11. Januar 1945 wurde ein Waffenstillstand und am 12. Februar 1945 das Abkommen von Varkiza zwischen der ELAS/EAM und den britischen Truppen und der von ihr kontrollierten griechischen Regierung Nicolaos Plastiras (ehemals Vorsitzender der EDES) in Athen geschlossen. Dieses Abkommen sah vor:

  • Übergabe aller Waffen der ELAS innerhalb von zwei Wochen,
  • EAM und KPG wurden als legale Organisationen anerkannt,
  • Parlamentswahlen sollten innerhalb eines Jahres stattfinden,
  • Ein Plebiszit sollte über die Rückkehr des Monarchen an die Macht entscheiden,
  • Den ELAS-Kämpfern wurde Amnestie zugesagt,
  • Die Säuberung der Verwaltung, Armee, Nationalgarde, Polizei und Gendarmerie von Kollaborateuren und ehemaligen Anhängern des Metaxas-Regimes wurde vereinbart.

Nach Abgabe der Waffen durch die ELAS in Athen und ihrem Rückzug in den Norden Griechenlands war von der Erfüllung der anderen Vereinbarungen nicht mehr die Rede. Die britische Militärmission baute die ehemals pro-nazistische paramilitärische Organisation „X“ mit den ehemaligen Einheiten der pro-nazistischen Sicherheitsbataillone zu einer 200.000 Mann starken Truppe aus, die im ganze Land planmäßig Jagd auf „Linke“ und Anhänger der EAM/ELAS machte. Armee, Polizei und Justiz wurden weiterhin von nicht entfernten, ehemaligen Metaxas-Faschisten und Nazi-Kollaborateuren beherrscht. 60.000 Kämpfer*innen der ELAS und EAM wurden unterdrückt, gemartert, gedemütigt, eingekerkert oder gar ermordet.10

Die „Times“ schrieb: „So wurde das Abkommen von Varkiza … zu einem Fetzen Papier.“11

In einem von liberalen griechischen Politikern unterzeichnetem Memorandum vom 5. Juni 1945 hieß es:

„The terrorist organizations of the extreme right, which had been armed by die Germans and had collaborated with them, have not been disarmed or prosecuted, but have allied themselves to the security forces in order to strangle completely all democratic thought”.12

Vortrag 6: Zum Bürgerkrieg von 1945 – 1949

6.1 Zur Spaltung innerhalb der EAM und der KPG in Folge der Niederlage vom Januar 1945

Nikolaos Zachariadis
Anonym – Rizospastis newspaper, 30 May 1945
gemeinfrei
https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaos_Zachariadis#/media/Datei:Zachariadis.jpg

Die Niederlage führte zu einer Spaltung der EAM und zu Richtungskämpfen in der KPG über die einzuschlagende Politik. Von der EAM trennte sich ein sozialdemokratischer Flügel im April 1945. Am 29. Mai 1945 kehrte der seit 1936 zuerst in griechischen Gefängnissen inhaftierte und seit April 1941 nach Dachau deportierte, ehemaliger ZK-Vorsitzende der KPG, Nikolaos Zachariadis, nach Griechenland zurück und übernimmt wieder die Leitung der KPG.

Innerhalb der KPG entstanden drei Strömungen, die sich parteiintern auseinander setzten.

  • Die Gruppe um Veluchiotes hielt sich nicht länger an das Varkiza-Abkommen und kämpfte im Pindus-Gebirge weiter.
  • Die Gruppe um Siantos und Barkirdizs lehnte jede weitere militärische Aktion kategorisch ab und wollte die KPG zu einer rein legalen Partei umbauen.
  • Die Gruppe um Zachariades lehnte den militärischen Kampf vorerst ab, wollte diesen jedoch für die Zukunft nicht ausschließen. Diese Gruppe setzte sich in der KPG Anfang 1946 durch.

Am 31. März 1946 wurden Parlamentswahlen und am 1. September 1946 das Plebiszit über die Monarchie abgehalten. Die KPG rief zum Boykott der Wahlen. Die EAM beteiligte sich nicht an den Wahlen. Offiziell betrug die Wahlbeteiligung 50% und für die Rückkehr des Königs stimmten offiziell 69% der Wähler. Durch die offensichtlichen Wahlfälschungen und die breit angelegte Terrorisierung der Bevölkerung durch die paramilitärischen Einheiten erhielt die EAM erneut starke Unterstützung durch die Bevölkerung.

6.2 Zur Wiederaufnahme des Partisanenkampfes gegen die paramilitärischen Kräfte und die Monarchie Ende 1946 und die Intervention der USA (1947 – 1949)

Die Zunahme der Verfolgung vermeintlicher Mitglieder*innen und Anhänger*innen der EAM/ELAS durch die paramilitärischen Einheiten und die Sicherheitskräfte, wie Nationalgarde, Polizei und Gendarmerie in Stadt und Land, führte in weiten Kreisen der Bevölkerung zur Bereitschaft den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen.13 Noch im Herbst 1946 nahmen ehemalige und neue Kämpfer*innen den Partisanenkrieg gegen die griechische Regierung, die Armee und die paramilitärischen Einheiten wieder auf.

Die Leitung der KPG hoffte zu diesem Zeitpunkt immer noch darauf, dass diese Kämpfe Druck auf die Regierung ausüben und eine Demokratisierung des Landes friedlich zu erreichen wäre.

Erst Ende 1946 beschloss die KPG den bewaffneten Bürgerkrieg wieder aufzunehmen. Die Partisanenarmee der ELAS wurde im Dezember als Demokratische Armee Griechenlands (Dimokratikos Stratos Elladas; DSE) unter dem Kommando von Markos Vafiadis (der im Partisanenkrieg gegen die NS-Truppen, die makedonischen Partisanengruppen befehligt hatte) wieder aufgebaut. Bereits im Winter 1946/1947 konnte die DSE, obgleich sie mit nur 10.000 Partisan*innen gegen eine Armee von 130.000 Mann kämpfte, den Regierungstruppen Niederlagen zufügen und im Norden Griechenlands ein großes Gebiet erobern.

Da die britische Regierung durch die Unabhängigkeitskämpfe in ihren Kolonien politisch und wirtschaftlich geschwächt war, konnte sie die Militär- und Finanzhilfe für die griechische Regierung nicht mehr tragen, bzw. ausweiten, wie dies aus ihrer Sicht nötig gewesen wäre. Die britische Regierung wandte sich daher an die USA und forderte diese auf, in Griechenland zu intervenieren.

Da es bereits zum sog. „Kalten Krieg“ zwischen den ehemaligen Alliierten gekommen war, konnte die Regierung der USA eine Mehrheit im Kongress für die Intervention in Griechenland erlangen. Als Gründe für eine Intervention der USA in Griechenland wurden angegeben:

„Griechenland beherrscht das strategische Bild des östlichen Mittelmeers. (…) Die Vereinigten Staaten haben deshalb ein starkes Interesse am Mittleren Osten, weil (…) in Saudi Arabien wahrscheinlich mehr Öl ist als in den (…) Vereinigten Staaten“.14 „Wir haben die Türkei und Griechenland (…) gewählt, (…) weil sie der strategische Zugang zum Schwarzen Meer und zum Herzen der Sowjetunion sind“.15 Der Staatssekretär Dean Acheson erklärte am 21. März 1947 vor dem außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses: „Eine von den Kommunisten dominierte griechische Regierung müsste als eine Gefährdung der Sicherheit der Vereinigten Staaten betrachtet werden“.16

Die in Griechenland agierende Organisation „American Mission for Aid to Greece“ und die Botschaft der USA in Athen bestimmten fortan die Geschicke Griechenlands und diktierten den griechischen Regierungen ihre Entscheidungen. Die griechische Armee wurde auf 200.000 Mann, die griechische Nationalgarde auf 100.000 Mann erweitert und beide wurden mit modernsten amerikanischen Waffen ausgestattet.

Die Intervention der USA in Griechenland umfasste auch die Ökonomie. Amerikanische Firmen übernahmen Schlüsselstellungen in der griechischen Wirtschaft, wie das Telefonnetz, die Tabakverarbeitung und –ausfuhr, die Fluggesellschaft, die Wasserversorgung von Athen und Piräus, den Bau von Wasserkraftwerken und die Ausbeutung der Bodenschätze.

Markos Vafiadis (1931)
William Davis, historian – Eigenes Werk
CC BY-SA 3.0
https://de.wikipedia.org/wiki/Markos_Vafiadis

Unterstützt wurden die Partisanen von Jugoslawien, Albanien, Bulgarien und der Tschechoslowakei. Am 24.12.1947 wurde in dem „befreiten Griechenland“ eine Provisorische Demokratische Regierung mit Markos Vafiadis als Regierungschef gegründet. Dies führte zum Verbot der KPG und ihres Zentralorgans.

Im April 1948 wurden die in den Partisanengruppen einflussreichen Kapetanios und Markos Vafiadis entmachtet, das sie sich dem Übergang zum Frontenkrieg widersetzten. Zachariadis und seine Anhänger übernahmen das militärische und politische Kommando über die DSE. Die Partisanengruppen wurden nach dem Muster einer regulären Armee umorganisiert. Der Partisanenkampf wurde aufgegeben und die Partisanenarmee suchte die militärische Entscheidung im regulären Frontenkrieg. 1949 wurde die Partisanenarmee vernichtend geschlagen.

Nach der Niederlage wurden Partisan*innen, Mitglieder, Anhänger und Unterstützer der ELAS, EAM , DSE und der KPG sowie anderer linker Gruppen verfolgt, interniert, verloren ihre Job und wurden vielfach diskriminiert. Tausende wurden in Lagern, wie auf der Insel Jaros, verbannt. Vielen blieb nur die Emigration. So flüchteten ca. 100.000 Griech*innen in die osteuropäischen Staaten.

Außerdem brachten 1948/49 die Andarten 28.000 Kinder der Linken über die Grenze in die osteuropäischen Staaten, nachdem seit 1947 die griechische Königin Friederike, Enkelin des letzten deutschen Kaisers, ca. 20.000 Kinder der Linken in Umerziehungslager unterbringen ließ.

6.3. Die Auseinandersetzung in der KPG über die Gründe für die Niederlage

In der Auseinandersetzung innerhalb der KPG werden vier Gründe für die Niederlage verantwortlich gemacht:

Erstens beendete das Jugoslawien Titos 1948 nach dem Ausschluss aus dem Kominform-Büro die Unterstützung für die griechischen Partisanen und schloss seine Grenze zu Griechenland.17

Zweitens spaltete sich die KPG an der Mazedonien-Frage, da die Führung der KPG dem Plan Bulgariens nach einem vereinigten Mazedonien im Rahmen einer Balkanföderation zustimmte, was eine Loslösung Süd-Mazedoniens von Griechenland bedeutet hätte und einen Verlust an Unterstützung bei der griechischen Bevölkerung zur Folge hatte.

Drittens waren die von den USA aufgerüsteten, ausgebildeten und aufgebauten Regierungstruppen in einem regulär geführten Krieg den Aufständischen weit überlegen.

Viertens konnten die regulär kämpfenden Aufständischen weder der Zwangsevakuierung und Zwangsansiedlung der ländlichen Bevölkerung in Wehrdörfern noch den Bombardements der Luftwaffe irgendetwas entgegen setzen.

5. Oktober 2019 Dr. Peter Milde

Endnoten:

1 André Kédros: La Résistance Greque (1940-1944). Le combat d’un peuple pour sa liberté, Paris 1966, S. 108, zit. n. Walter Fischer/Eberhard Rondholz: Revolution und Konterrevolution in Griechenland 1936 – 1970, in: DAS ARGUMENT, Mai 1970, S. 120f.

2 André Kédros: La Résistance Grecque (1940 – 1944). Le combat d’un peuple pour sa liberté, Paris 1966, S. 267; zit. n. Fischer/Rondholz, S. 123.

3 In den Memoiren Churchills schildert dieser eine angebliche Übereinkunft mit Stalin im Oktober 1944, dass die Sowjetunion Griechenland dem Einflussbereich der Briten zuerkannte, was damals faktisch dem militärischen Vormarsch der alliierten Truppen entsprach. (Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg, Sechster Band, Erstes Buch, Bern 1953, S. 510).

4 Winston Churchill, ebd., S. 332.

5 Saranda chronia tou K.K.E. 1918 – 1958, Athinai 1964, S. 500, zit. n. Fischer/Rondholz, a.a.O. S. 125.

6 Ebenda, S. 510. Am 8.11.1944 glaubte das Politbüro beim ZK der KPG, „dass niemand von den Verbündeten, nicht nur in Griechenland, sondern auch in den anderen Ländern, in die inneren Angelegenheiten eingreifen wird“ (Anonymous: Brecht und der Dezember 1944 in Athen. In: „Geschichtsfront“. Gegen das Vergessen und die Verdrehung. Dienstag, 1. Februar 2011, zitiert nach: Hristos Slutos: Bertolt Brecht in Griechenland – Eine exemplarische Geschichte der Theaterrezeption von 1955 bis 2015, Dissertation, TH Aachen 2016, S. 163f, https://publications.rwth-aachen.de/record/668726/files/668726.pdf). Und der Generalsekretär der KPG, Giorgos Siantos, erklärte am 20.11.1944: „Wir glauben, dass unsere britischen Verbündeten nicht durch solche Vorschläge [gemeint ist die Einmischung in die inneren Angelegenheiten –d. Verf.] verleitet werden. Wir glauben, dass sie den Prinzipien des verbündeten Kampfes treu bleiben und bleiben werden. Beistandund Helfer unseres Volkes“. (ebd., S. 164). Im Film „La Guerre Civile Grecque“ von Robert Manthoulis, Arte, September 1997, sagt der frühere Generalsekretär der kommunistischen Partei Griechenlands, Charilaos Florakis: „…aber es war ein Fehler, zu glauben, dass wir nach der Befreiung von den Deutschen und den Italienern frei gewesen wären, eine eigene Entscheidung zu treffen„.

7 Winston Churchill, ebd., S. 338.

8 Winston Churchill, ebd., S. 339. Am 8.12.1944 befiehlt Churchill: „Akzeptieren Sie kein Friedensangebot. Unser Ziel ist ausschließlich die Vernichtung der EAM“ (zitiert nach: „La Guerre Civile Grecque“, Film von Robert Manthoulis, Arte, September 1997).

9 Nicolaos Plastiras machte in der griechischen Armee unter Venizelos Karriere. Er kämpfte als General 1919 in der Ukraine gegen die Rote Armee und im Griechisch-Türkischen Krieg. Als Reorganisator der griechischen Armee war an der Gründung der Republik 1923 maßgeblich beteiligt. In der folgenden Zeitspanne bis zur Diktatur Metaxas war das politische Geschehen in Griechenland von Regierungskrisen und abwechselnden Putschen von Republikanern und Royalisten gekennzeichnet, bei denen General Plastiras auf Seiten der Republikaner sich mehrfach an Putschen beteiligte und schließlich nach Frankreich floh. In Frankreich organisierte er vom Exil aus im Juli 1941 den Aufbau der EDES, deren Vorsitzender er war. Er handelte auf Seiten der griechischen Regierung das Abkommen von Varkiza vom 12. Februar 1945 aus und wurde von der britischen Armee im April 1945 als Regierungschef wieder abgesetzt. Anfang der 50er Jahre war er mehrfach erneut Regierungschef von Koalitionsregierungen.

10 In einem Aufruf der EAM hieß es:„Armee, Polizei und Justiz sind von nicht entfernten Faschisten und Kollaborateuren beherrscht. Die ganze Widerstandsbewegung wird grausam verfolgt, 60.000 Mann der Befreiungsarmee werden unterdrückt, gemartert, gedemütigt, eingekerkert und ermordet. Statt Gesetz und Ordnung herrschen zahlreiche bewaffnete Banden, die durch die staatlichen Organe geduldet oder unterstützt werden und Dörfer umzingeln, Massenverhaftungen vornehmen, morden, plündern und Grausamkeiten verüben.“ (Archiv der Gegenwart, 14. Juli 1945, zit. n. Fischer/Rondholz, a.a.O. S. 129).

11 Times, 17. April 1945

12 Zit. n. Fischer/Rondholz, ebd., S. 130. Das Memorandum war u.a. auch von den liberalen Politikern Sophoulis und Plastiras unterschrieben. Letzterer war Anfang 1945 selbst Ministerpräsident. Er wurde – nachdem er die britische Politik gegenüber Griechenland kritisierte – abgesetzt.

13 Über die Haltung der KPG zur Wiederaufnahme des bewaffneten Partisanenkampfes gibt es sich widersprechende Angaben: Nach Zografos, einem Mitglied des ZK der KPG, wurde der bewaffnete Kampf nicht von der KPG, sondern zuerst von den empörten Massen wieder aufgenommen (nach David Horowitz (Hrsg): Containment and Revolution. Western Policy Towards Social Revolution, 1917 to Vietnam, London 1967, S. 163). Anfangs soll die KP ihren Mitgliedern in den Städten sogar verboten haben, die Städte zu verlassen, um sich den Partisanen anzuschließen. Weiter soll die KPG den Vertretern der Bauern erschwert haben, in der Führung der Partisanenarmee und der Provisorischen Regierung Einfluss zu nehmen (Constantine Tsoucalas: The Greek Tragedy, Penguin Books, Harmandsworth 1969, S. 103f). Anderen Angaben nach soll die KPG zum bewaffneten Kampf aufgerufen und daraufhin breite Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten haben (L. S. Stavrianos: Greece – American Delemma and Opportunity, Chicago 1952, S. 176).

14 New York Times, 5. März 1947.

15 New York Herald Tribune, 1. April 1947.

16 Zit. n. Winston Churchill, a.a.O, S. 356.

17 Zwischen dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Belgrad und der jugoslawischen Tito-Regierung fanden Verhandlungen über die Einstellung der jugoslawischen Hilfe für die griechischen Partisanen statt. Im Gegenzug wurden Finanzhilfen für Jugoslawien in Aussicht gestellt (Meldungen von Reuter und AFP nach: Archiv der Gegenwart, 1. Juli 1949, zit. n. Fischer/Rondholz, ebd., S. 134).

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