JUNI 2021 – FIPS-NEWS NR. 34: ZU DEN QUELLEN UND BESTANDTEILEN DES DEUTSCHEN RASSISMUS – TEIL II

Editorial

Die ersten zwei Teile des Essays wurden im FIPS-NEWS Nr. 32 veröffentlicht. Im Teil II folgen die Teile

3. „Wissenschaftlicher“ Rassismus der Aufklärung

4.. Deutsche Romantik und der „arische Mythos“

5. Franzosen- und Judenhass und völkische Deutschtümelei als Reaktion auf die bürgerliche Französische Revolution

Die Reihe wird in folgenden FIPS-NEWS fortgesetzt.

25. Juni 2021 Dr. Peter Milde

Zu den Quellen und Bestandteilen des Deutschen Rassismus Teil II

3. „Wissenschaftlicher“ Rassismus der Aufklärung

Die Entwicklung der Produktivkräfte und die damit einhergehende bürgerlich-kapitalistische Transformation der Produktionsweise und die Ausplünderung Afrikas und Lateinamerikas (beides waren Bestandteile der von Marx bezeichneten „ursprünglichen Akkumulation“) führte zu neuen ideologischen Auffassungen in Philosophie und der Gesellschafts- und Staatenlehre und zur sprunghaften Entwicklung der Naturwissenschaften. Dies alles zerstörte die Dogmen der katholischen Kirche, da sie der neuen bürgerlichen Produktions- und Lebensweise widersprachen. Die vom Bürgertum proklamierte Gedankenfreiheit und Freiheit der Wissenschaften stellte den Herrschaftsanspruch der Aristokraten, Bischöfe und Könige in Frage.

Im Hinblick auf die Gleichheit der Menschen unterscheiden sich die „Aufklärer“ jedoch nicht grundsätzlich von den christlichen Religionen. Die Einteilung in „höherwertige“ und „minderwertige“ Menschenarten ist beiden eigen, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen, denn an die Stelle der alten religiösen Klassifizierung der Menschenarten trat nun eine scheinbar naturwissenschaftlich-rational begründete Klassifizierung von angeblichen Menschen-„Rassen“ .

Carl von Linné (Leibarzt des schwedischen Königs), der heute als Begründer der Anthropologie gilt, katalogisierte angebliche „Menschenarten“ vergleichbar der Katalogisierung der Pflanzen und Tiere (1735). Linné ordnete seinen „Menschenarten“ angebliche intellektuelle und moralische Gruppeneigenschaften zu. Der „Afrikaner“ sei demnach angeblich „verschlagen, faul, nachlässig, schwarz“, der „Europäer“ sei angeblich „einfallsreich, erfinderisch, weiß“, der „Asiate“ sei angeblich „habsüchtig, gelblich, melancholisch“ und der „Amerikaner“ sei angeblich „freiheitsliebend, jähzornig, gebräunt“.

Kant (1775) klassifizierte vier Menschenarten: „Weiße, Neger, Mongolen und Hindus“.

Im Unterschied zur Monogenetik, die dem christlichen Rassismus immanent ist, erklärten einige Aufklärer, wie Voltaire, die angeblichen Unterschiede im Wesen angeblich unterschiedlicher „Menschenarten“ durch eine „Polygenetik“ (mehrfachen Ursprung der Menschen):

„Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart wie die der Spaniels sich von der der Windhunde unterscheidet. … Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach andersgeartet ist als die unsrige; sie ist ihr weit unterlegen.“ (Voltaire)

Eine weitere Vorstellung erklärte etwa die „Minderwertigkeit von Menschengruppen“ und ihre angeblich „eigene Wesensart“ durch eine angeblich „physische und moralische Degeneration“. So erklärte der „deutsche Aufklärer Dohm“ am Hofe des preußischen Königs das angeblich „minderwertige Wesen der Juden“ mit Jahrhunderte Jahre langer Unterdrückung und Verfolgung der Juden. Dohm lehnte die Emanzipation der Juden ab. Doch statt der Forderung zum Übertritt der Juden zur christlichen Religion, die sich als nicht durchführbar erwiesen hatte, forderte er die „Umerziehung“ der Juden, bevor man ihnen die gleichen Rechte wie den „christlichen Deutschen“ zustehen könne. Diese rassistische Vorstellung Dohms prägte die gesamte offizielle Debatte zur Judenemanzipation in allen deutschen Staaten, auch der „Liberalen“ für ca. einhundert Jahre.

Erstmals proklamierte die bürgerliche Revolution in Frankreich die „Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz“ und verwirklichte die gesellschaftliche und politische Emanzipation der Juden in Frankreich. Der Sklavenaufstand in Saint-Dominique (1791), die Forderung der radikalen plebejischen Massen und radikaler bürgerlicher Eliten, die die „Gesellschaften der Freunde der Schwarzen“ gründeten, führten zur Abschaffung der Sklaverei durch die Jakobiner. Der Sklavenaufstand in Haiti (1804) führte zur Unabhängigkeit Haitis und zur ersten „schwarzen“ Republik.

4. Deutsche Romantik und der „arische Mythos“

Die deutsche Romantik war eine kulturelle und literarische Bewegung in Deutschland in der Zeit von 1795 – 1835 als Reaktion auf den „Rationalismus“ und „Materialismus“ der Aufklärung. Die Frühromantiker (etwa der frühe Goethe, die Gebrüder Schlegel und Novalis) rebellierten „kulturell“ und „literarisch“ gegen die alten „Zöpfe“, die philisterhaften Eliten, gegen die alte aristokratische Kultur. In der romantischen Bewegung emanzipierten sich die bürgerliche Frauen und fand die fremdländische Literatur (Übersetzungen) Eingang in Deutschland.

Doch die Romantik war eine Rebellion gegen das Alte „im Geiste“ oder im engen Kreise „bürgerlicher Intellektueller“. Die Eintönigkeit des Lebens der Eliten verabscheuten die Frühromantiker und wandten sich vom realen Leben ab. Gegen die Zerrissenheit der Welt stellten sie die Harmonie der Natur, die Intuition, die Phantasie, die sie u.a. in den Volksliedern, der Lyrik und den Märchen wie auch in alten Sprachen suchten.

Daher studierte u.a. Friedrich Schlegel (Romantiker und Orientalist) die alt-indische Sprache Sanskrit, in der er den Ursprung der indogermanischen Sprachfamilie sah. Aus der Verwandtschaft der Sprachen schloss er dann auch auf die Abstammung der Indogermanen vom Urvolk der „Arier“, deren Ursprung er in Nepal und Nordindien vermutete. So entwickelte sich unter den Romantikern eine regelrechte „Indomanie“, die darin gipfelte, aus der angeblichen Überlegenheit der „Arier“ und ihrer Sprache eine Überlegenheit der „Indogermanen“ über die angeblichen „Semiten“ (Araber und Juden) herzuleiten. So entstand der Mythos von der Überlegenheit der „Ariern“ und „Germanen“ und von der Minderwertigkeit der „Semiten“, an den später die Nazis anknüpfen sollten. Der Kern war der unwissenschaftliche Rückschluss von der Verwandtschaft von Sprachen auf die Konstruktion von „Urvölkern“, den angeblichen „Ariern“ und „Semiten“.

5. Franzosenhass und völkische Deutschtümelei als Reaktion auf die bürgerliche französische Revolution

In Folge der Revolutionskriege gegen die reaktionären Angriffe der europäischen Staaten wurde das Rheinland von Frankreich annektiert. Dort wurde u.a. die Gewerbefreiheit, der bürgerliche Code Civil und die Judenemanzipation eingeführt und die deutschen Aristokraten, Bischöfe und Feudalherren verloren ihre Vorherrschaft und Macht und ihr Besitztum.

Daher verband sich in Deutschland der Franzosenhass mit dem Judenhass, die nun die Aristokraten mit der deutschen liberale Bourgeoisie und den national gesinnten Intellektuellen und Kleinbürgern einten. Eine klassenübergreifende patriotische deutschnationale Strömung (Deutschtümler) breite sich über die deutschen Staaten, vor allem im Königreich Preußen, aus.

Mit dem Zusammenbruch des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ entstand ab 1805 eine deutsche „Nationalromantik“. Die Unzufriedenheit mit der Gegenwart führte zur geistigen Flucht in die germanische Vergangenheit und in die altdeutsche Sprache und Literatur, die heroisiert und romantisiert wurden.

Arndt, Fichte und „Turnvater“ Jahn zeichneten den Kultus der Überlegenheit der deutschen Sprache, des deutschen Blutes und des germanischen Volkes: Die „Teutschheit“ gelte es vor der französischen „Welschheit“, die „Reinheit des deutschen Blutes“ vor der „Verbastardung“ zu schützen (Arndt). Fichte, der ein Anhänger der Französischen Revolution war, überhöhte nach den Niederlagen Preußens gegen Frankreich den bürgerlichen deutschen Nationalismus und wurde zum philosophischen Begründer einer deutsch-völkischen Überheblichkeit. Er erblickte in der deutschen Nation die „Wiedergebärerin und Wiederherstellerin der Welt“ im bürgerlichen Zeitalter (Reden an die Deutsche Nation, 1808).

„Turnvater“ Jahn begründete eine deutsche Volksbewegung. Er schuf den Begriff des „deutschen Volkstums“ (1810): Die Erneuerung des deutschen Volkstums müsse auf der „Ausmerzung“ aller fremden, i.b. französischen Einflüsse und allen „fremden Blutes“ beruhen, sonst werde das deutsche Volk ausgelöscht. „Turnen“ statt „Gymnastik“ war ebenfalls eine Wortneuschöpfung von Jahn. Turnen sollte den Deutschen moralisch ertüchtigen. Die Turnvereine standen unter dem geistigen Einfluss deutschtümelnder Studenten und bildeten die Wurzel für die neuen völkisch-nationalen Burschenschaften.

Arndt, Jahn und Fichte können als Begründer des deutsch-völkischen Rassismus angesehen werden. Auf sie beriefen sich später die Nazis und publizierten ihre Ansichten.

1813-1814 gründete Jahn das „Lützower Freikorps“ gegen die französischen Truppen, die unter der von Jahn erfundenen Fahne mit den Farben schwarz-rot-gold marschierten. Freikorps (zusammengesetzt vor allem aus Handwerkern, sog. „gebildeten Ständen“ und Studenten) kämpften an der Seite der preußischen Armee.

Diesen „teutschen“ Nationalismus nutzte der preußische König zur militärischen und politischen Mobilisierung gegen Frankreich während der sog. deutschen „Befreiungskriege“ und zur Restauration seiner Macht in neuer Herrlichkeit.

CC BY-SA 3.0, OTFW, Berlin – Selbst fotografiert. Gedenktafel Viktoriapark (Kreuz) Nationaldenkmal für die Befreiungskriege.jpg – https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaldenkmal_f%C3%BCr_die_Befreiungskriege#/media/Datei:Gedenktafel_Viktoriapark_(Kreuz)_Nationaldenkmal_f%C3%BCr_die_Befreiungskriege.jpg

Dieser völkisch-deutsche Patriotismus wurde von Saul Ascher kritisch als „Germanomanie“ und von anderen auch als „Teutomanie“ bezeichnet. Den Kern der deutsch-völkischen Ideologie hat Heinrich Heine in einem Gedicht treffend charakterisiert:

Sanftes Rasen, wildes Kosen,
Tändeln mit den glühnden Rosen,
Holde Lüge, süßer Dunst,
Die Veredelung roher Brunst,
Kurz, der Liebe heitre Kunst-
Da seid Meister ihr, Franzosen.

Aber wir verstehn uns bass,
Wir Germanen, auf den Hass,
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Fass.
(Heinrich Heine: Diesseits und jenseits des Rheins)1

1817 wurden auf dem Wartburgfest von den Burschenschaften neben reaktionären Büchern auch die „Germanomanie“ von Saul Ascher verbrannt.

1819 kam es unter „Hep-Hep“-Gebrüll zu gewalttätigen Angriffen gegen Juden in mehreren Städten. („Hep“ soll für „Hierosolyma es perdita“ = „Jerusalem ist verlogen“ stehen. Er war der Ruf der Kreuzfahrer von 1096 bei ihren judenfeindlichen Pogromen). Vor allem aus den Reihen der Studenten und Kleinbürger kamen die völkischen Plünderer und Gewalttäter, denen die französische Revolution und ihre bürgerlich-demokratischen Errungenschaften, wie die Judenemanzipation, ein Gräuel waren und die ihren völkischen Hass an den Juden in Würzburg, Frankfurt u. a. Städten auslebten.

25. Juni 2021 Dr. Peter Milde

1 Anlässlich einer Aufführung des Shylock von Shakespeare in Frankfurt am Main forderte Ludwig Börne für die Juden in Deutschland „das Recht auf Hass“.

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